Mit ‘#Kommune’ getaggte Beiträge

losgehts

Den nachfolgenden Workshop hielt ich auf dem Los Geht’s 2015, einem zweijährig stattfindenden Informations-, Vernetzungs- und Gründungstreffen des Kommuja Netzwerks politischer Kommunen. Als gastgebender Veranstaltungsort diente dieses Jahr die Kommune Olgashof in Nordwest-Mecklenburg, wo sich 250 Interessierte und 50 Unterstützer*innen einfanden, um sich zu treffen, Projekte zu finden oder selbst Kommunen zu gründen. Circa 18 Teilnehmer*innen fanden sich am Samstag  für den 1,5-stündigen freien Workshop „Kommune und Anarchismus“ ein.

Ich selbst bin angehender Kommunarde in einer politischen Kommune des Kommuja-Netzwerks, der Villa Locomuna, sowie organisierter Anarchist. Der folgende Workshop soll nicht nur auf die Gemeinsamkeiten der beiden Themenfelder hinweisen, sondern auch mögliche Schnittstellen erarbeiten, Hemmungen abbauen und Bewusstsein schaffen. Mich führte die Beschäftigung mit dem Thema Anarchismus und die Praxis in anarchischen und explizit anarchistischen Gruppen zu der Konsequenz, auch mein Wohn- und Lebensverhältnis nach diesen Idealen zu gestalten. Wie auch mein Veganismus, Verzicht auf Flugreisen und eine Orientierung an nachhaltigem, ökologischem, regionalem und saisonalem Konsum, ist dies Ausdruck eines Versuchs, die Utopie bereits im Hier und Jetzt zu leben. Die Elemente der Utopie, die bereits jetzt unter zumutbaren und realistischen Anforderungen umzusetzen sind, setze ich auch gerne um. Dies hat vielerlei Gründe, unter anderem den Beweis der Machbarkeit, die Vermeidung des Vorwurfs der Heuchelei, aber auch des Gewinns an Lebensqualität, das Sammeln praktischer Erfahrungen und wichtiger Kompetenzen und nicht zuletzt Gewinnung wichtiger Rückschlüsse auf die Theorie und Utopie.

Über ein Brainstorming wurde das Vorwissen der Teilnehmer*innen abgefragt und die Kernelemente der beiden Themen gesammelt. Auf dem Los Geht’s erfahren die Teilnehmer*innen in vier Basisworkshops wissenswertes zu den vier Themenschwerpunkten Konsens, Kommune & Politik, Gemeinsame Öknomomie sowie Kommunikation & Soziales. Überraschenderweise waren auch die Antworten zum Begriff Anarchismus sehr ergiebig, wobei in der nachfolgenden Übersicht die ersten fünf Begriffe zum Thema Anarchismus bereits angeschrieben waren nach Nennung enthüllt wurden.

Brainstorming: Was fällt Euch zum Thema „politische Kommune“ ein? Brainstorming: Was fällt Euch zum Thema „Anarchismus ein?
Gemeinsame Ökonomie Hierarchiefreiheit
Entscheidungsfindung Konsens
Bandenbildung Selbstorganisation
Herrschaftskritik Solidarische Ökonomie
Hierarchiekritik Herrschaftsfreiheit
Subsistenz Keine Gewalt gegen Menschen und Tiere
Solidarität Bezugsgruppen
Feminismus Anarchosyndikalismus
Kommunikationsformen Kritische Auseinandersetzung mit „Arbeit“
Konsens Emanzipation
Vorbildfunktion Kapitalismuskritik
Aktivismus & Widerstand Keine Grenzen
Privilegien Toleranz
Solidarität vs. Autonomie [Chaos, Gewalt, Schwarzer Block]
Kritik an Eigentum und Besitz Antiparlamentarismus
Selbstorganisation Antinationalismus
Direkte Aktion
Anarchafeminismus
Punks

Die Nennungen, die bei beiden Brainstorming-Runden aufkamen wurden durch Unterstreichung hervorgehoben und zeigen deutlich die wichtigen Überschneidungspunkte der Ideen der Kommune-Bewegung und des Anarchismus. Nennungen in eckigen Klammern stellen Vorurteile dar, die ewartungsgemäß bei solchen Fragestellungen genannt werden. In diesem Fall war das Vorwissen der Teilnehmer*innen so groß, dass dies nicht der Fall war. Doch trotz allem ist nicht jeder und jedem klar, warum genau diese Begriffe wie Chaos und Gewalt nichts mit Anarchismus und erst Recht nicht mit Anarchie zu tun haben. Damit alle auf dem selben Nenner sind, was die Verwendung dieser Begriffe angeht, wurden der nachfolgenden Folie die Begriffsdefinitionen des Vortragenden in gebotener Kürze vorgestellt:

Anarchie– … ist Ordnung ohne Herrschaft- aus dem griechischen an archia = ohne Herrschaft

– Gesellschaftsordnung bzw. Utopie, basierend auf Werten wie Freiheit, Kooperation, Autonomie, Herrschaftslosigkeit, uvm.

DAS ZIEL

anarchisch– ohne Gesetze und ohne Justizsystem, stattdessen selbstbestimme Regeln auf freiwilliger Basis- ohne Herrschaft, ohne Hierarchie, nicht durch Zwang durchgesetzt

– Konsensual

→ z.b. (zumindest teilweise) Kommunen

Anarchismus– Weltanschauung(en), die versucht,1. Herrschaftsstrukturen zu identifizieren

2. sie auf ihre Legitimität zu überprüfen und

3. illegitime Herrschaftsstrukturen abzubauen

– Gerichtet gegen autoritäre Konstrukte wie Staat, Nationalismus, Kapitalismus, Patriarchat, autoritäre Religionen, Faschismus, Rassismus, ..

DER WEG

anarchistisch– Praxis von politischen Gruppen, die explizit Anarchismus als Weltanschauung haben und die Anarchie erreichen wollen- für freiheitliche Ideale kämpfend, agitierend oder bildend

→ vereinzelt auch anarchistische Kommunen (wie zum Beispiel zum großen Teil der Lossehof in Kassel)

Als Kernthese stellte ich die Behauptung auf, dass gemäß der oben stehenden Definitionen wundersamerweise die meisten Kommunen des Kommuja-Netzwerks in ihren Grundzügen anarchisch sind, jedoch die wenigsten explizit anarchistisch. Für beide Bewegungen kann dies wichtige Rückschlüsse bieten. Für die Kommune-Bewegung könnte die bereits jetzt gelebte Utopie einer ihr selbst wenig bekannten Utopie mehr inhaltliche Tiefe und breite Aufstellung bieten. Der anarchistischen Bewegung könnten durchaus viel mehr anarchische Projekte gewahr werden, sowie generell die Tatsache, dass ihre Ideen und Theorien bereits in Teilen gelebte Praxis sind, ohne jedoch dabei eine Rolle gespielt zu haben und ohne eine starke Vernetzung und Austausch zu realisieren. Denn es ist auf jeden Fall festzustellen, dass trotz aller gemeinsamen Überzeugungen und Praktiken, es nicht nur keine Vernetzung und keinen Austausch, sondern nicht einmal ein gegenseitiges Gewahrwerden stattfindet. Im zweiten Teil des Workshops sollen diese Aspekte durch eine moderierte Diskussion anhand von drei Diskussionsfragen näher beleuchtet werden.

Vorab sollte aber nicht nur geklärt werden was Anarchismus ist, sondern auch was es nicht ist. Dies konnte anhand der vormals genannten Begriffe „Chaos, Gewalt und Schwarzer Block“ erläutert werden:

Anarchie ist nicht Chaos

denn Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft. Das bedeutet, dass auch in der Anarchie Regeln gelten, aber selbst gewählte Regeln in freier Vereinbarung unter Gleichen, an Stelle von starren Gesetzen, durchgesetzt mit Zwang.

Die Bestandteile Selbstorganisation und Autonomie zeigen auch heute schon, dass Anarchie nicht chaotisch ist, als Beispiel wurde hier verwiesen auf die Praxis in der Kommune Villa Locomuna, in Form von Patenschaften für alle regelmäßig anfallenden Aufgaben, den Kochplan, das Plenum der Wirtschaftsgemeinschaft, inklusive Zeitökonomie, uvm.

Anarchismus ist nicht Gewalt

denn es gilt im Anarchismus dass zu jeder Zeit die Anwesenheit des Ziels in den Mitteln gewahrt bleiben soll. Des Weiteren ist spätestens seit dem Widerstand von Anarchist*innen gegen den ersten Weltkrieg der Antimilitarismus ein wichtiges Element von Anarchismus.

Jedoch gilt für viele Anarchist*innen auch, dass Selbstverteidung und Notwehr legitim sind, genauso wie Widerstand gegen Unterdrückung, wenn friedliche Mitteln versagen. Zu guter Letzt gibt es auch die Strömung Anarchopazifismus, symbolisiert durch die schwarz-weiße Fahne.

Der Schwarze Block“ ist nicht Anarchismus

denn der sogenannte Schwarze Block ist lediglich eine Demonstrationstaktik diverser Gruppen und Bewegungen (links wie rechts), mit den Zielen:

– Schutz des Individuums vor Repression

– Schutz von direkten und militanten Aktionen

Aber oft ist komplett schwarze Kleidung, teilweise auch Vermummung, „normales Auftreten“ vieler Anarchist*innen auf Demos u.ä., teils aufgrund eines „autonomen Habitus“ oder schlichtweg „Szene-Mode“. Des Weiteren dient dies auch der Abgrenzung vom Bürgertum und dem Ausdruck der Ablehnung desselben. Dadurch steht sich die Bewegung jedoch auch beizeiten selbst im Weg einer Verbreitung und Vergrößerung, stattdessen verbleibt sie klassisch in der jugendlich-linkslibertären Szene. Hier operiert die Bewegung jedoch auch in einem Spannungsfeld von Kompromisslosigkeit versus Dialogbereitschaft. Die konsequente Kompromisslosigkeit ist wichtig, um die eigenen Ideale nicht verwässert zu sehen, sollte aber nicht zu einer fehlenden Dialogbereitschaft mit anderen gesellschaftlichen Akteuren führen.

Die Verknüpfung der beiden Themenfelder Kommune und Anarchismus sollte in der zweiten Hälfte druch eine moderierte Diskussion erzielt werden. Die Teilnehmer*innen nutzten trotz fallenden Temperaturen im Schatten und aufkommenden Windes die verbleibenden 45 Minuten sehr rege. Die Schwerpunktfrage war:

1. Was könnte die Kommune-Bewegung aus der Beschäftigung mit dem Anarchismus für die Kommune-Praxis mitnhemen? Wo seht ihr mögliche Anknüpfungspunkte?

Die Teilnehmer*innen identifizierten einige Aspekte sowohl für die externe als auch die interne Kommune-Praxis, die mit der Beschäftigung mit Anarchismus einfließen könnten. Auf der Ebene der externen Praxis zum Beispiel einen Ausbau der politischen Praxis und der Gesellschaftsveränderung, sowie eine kohärentere Utopie und politische Wirkung. Die meisten Aspekte die genannt wurden zielten aber eher auf die interne Praxis der Kommune-Bewegung. Auch wenn die meisten Kommunen herrschaftskritisch und hierarchiekritisch sind und ihre Strukturen dieses auch versuchen zu vermeiden, könnte ein konsequenter Anarchismus auch helfen, sogenannte informalle Hierarchien abzubauen sowie Herrschaftsfreiheit konsequenter zu leben. Es wurden auch strukturelle Hierarchien auf die Gesamtgesellschaft identifiziert, die abzubauen wären. Diese wurden durch weitere Wortbeiträge ausdifferenziert in den Wunsch nach dem Abbau von Zugangsbarrieren sowie der Reflexion der eigenen Privilegien und dem Teilen derselben.

So bietet das Konzept der Critical Whiteness, des kritischen Weißseins, Anhaltspunkte für den Umgang mit den eigenen rassistischen Privilegien, die auch für die Kommune-Bewegung von großem Belang sein können. Denn ein weiterer Teilnehmer und Mitkommunarde identizifierte die Kommune-Bewegung als „elitären Haufen“ – Bildungsniveau, Herkunft und Einkommen sind relativ homogen und quasi-elitär. Jedoch sind eben diese Orte auch Schutzräume, vor den Unsicherheiten des kapitalistischen Systems wie dem Wohnungsmarkt, und sie sind Orte der (Selbst-)ermächtigung, denn Aktivismus in Hineinwirken in die Gesellschaft werden erst ermöglicht durch die eigene Absicherung und Lebensqualität, physisch ebenso wie sozial. Letztlich kann jedoch festgehalten werden, dass sowohl die Ideen der Kommune-Bewegung als auch des Anarchismus den Anspruch der Allgemeingültigkeit und Massentauglichkeit haben. Zwar kann eine „Reinheit“ und vollständige Umsetzung der Utopie im herrschenden System sicher nicht erreicht werden, aber die Öffnung für eine breitere und diversere Öffentlichkeit würde auch diese Tauglichkeit auf die notwendige Probe stellen und Rückschlüsse für beide Bewegungen und Utopien bieten. Zudem muss die Öffnung nicht zwangsläufig Hindernis sondern bedeuten, sondern eher als Bereicherung wahrgenommen werden, sei es durch Menschen mit Behinderungen, Menschen aus anderen Kulturkreisen wie z.B. Geflüchtete, oder Menschen, die aufgrund ihres Genders diskrimiert werden.

Ich selbst markierte auf der Brainstorming-Folie noch einige Nennungen, von denen ich finde dass sie für die jeweils andere Bewegung eine Betrachtung wert sind, diese sind in oben stehender Taballe durch Fettschrift hervorgehoben.

2. Warum sind viele anarchisch strukturierte Projekte nicht mit den Ideen des Anarchismus vertraut?

Die Gründe hierfür verordneteten die Teilnehmer*innen größtenteils an zwei verschiedenen Orten: dem propagierten Bild von Außen und geschichtlichen oder strategischen Faktoren innerhalb der Bewegung. So war die allererste Assoziation das schlechte Bild, welches durch sowohl bürgerliche Mainstream-Presse als auch alteingessese linke Medien verbreitet wird, quasi ein Angriff von zwei Seiten. So ist es aber auch der Sprachgebrauch, die die Ideen fortwährend im falschen Licht darstellt, wie zum Beispiel bei der Berichterstattung aus Krisengebieten, mit der Aussage dass dort „die Anarchie herrsche“, eine auf gleich mehreren Ebenen irreführende Aussage.

Doch auch die Bewegung selbst hat dies in Teilen selbst verschuldet. So ist es nicht nur die – eigentlich recht kurze und unbedeutende Phase – der „Propaganda der Tat“ (einer blutigen Epoche von Bombenattentaten auf staatliche Repräsentant*innen durch anarchistische Attentäter*innen in Frankreich, nach der Zerschlagung der Pariser Kommune) sondern auch schlichtere Dinge wie mangelnde Jugendarbeit, warf ein Teilnehmer ein. Ein weiteres Problem stellt die Gefahr der Schaffung von Insellösungen dar, das Bilden kleiner anarchischer Kreise und Projekte und ein „Wohlfühlaktivismus“ bieten die Gefahr einer reduzierten Außenwirkung und selektiver Wahrnehmung.

Die momenane Schwäche der Idee im deutschsprachigen Raum ist auch eben genau dies: Ein regionales Problem des deutschsprachigen Raumes, in vielen anderen Ländern gibt es große, selbstbewusste und explizite anarchistische Bewegungen, wie zum Beispiel in Spanien oder Griechenland.

3. Aus welchen Zusammenhängen kommt ihr, und hat sich euer Bild von „Anarchismus“ oder von „Kommune“ jetzt in einer Form verändert?

Die Teilnehmer*innen setzten sich größtenteils aus Menschen zusammen, die noch wenig Erfahrung mit der Kommune-Bewegung hatten, viele wohnen jedoch in WGs, Hausprojekten oder Gründungsgruppen, die noch ganz am Anfang stehen. Sie fühlten sich durchweg als herrschaftskritisch und anarchistisch, ohne jedoch eigenen Aussagen nach sich umfassend mit der Theorie beschäftigt zu haben. Nur wenige Teilnehmer*innen veränderten ihr Bild von Anarchismus und/oder von Kommune, da die meisten auf beide Themen schon sehr realitätsnahe Konzepte besaßen. Das Feedback zum Workshop viel durchweg positiv aus, viele freuten sich dass ihnen der Begriff Anarchismus auf dem Los Geht’s begegnete und möchten die Verbindung der beiden Themen nun auch in ihr eigenes Umfeld hineintragen. So gut wie alle ausliegenden Broschüren, wie die Einführungsbroschüre des A-Netz SüdWest, eine Ausgabe der Gai Dao oder das Manifest Alles Verändern wurden mitgenommen.

Mehr Infos:

In den letzten Jahren in diversen Regionen im deutschsprachigen Raum starke Vernetzung und Organisierung hingewiesen, sowie die Neuentstehung vieler Lokalgruppen. Die Vernetzung und Föderierung stärkt auch die noch junge Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen, welche wiederum ermöglicht, dass die Idee weitere Verbreitung im Gebiet erzielt. Wer tiefer in die Marterie des Anarchismus oder der Kommune-Bewegung eintauchen möchte, kann sich an den unten verlinkten Medien orientieren:

Anarchismus

Stowasser, Horst: Anarchie! (z.B. in einer Uni-Bibliothek) oder in einer früheren Version downloadbar als Freiheit Pur! (PDF)

Gai Dao – Monatszeitung der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen

graswurzelrevolution – anarchistische Monatszeitung

fda-ifa.org – Homepage der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA)

Alles verändern! Ein anarchistischer Aufruf. Von Crimethinc

Anarchismus – Eine Einführung. Vom Anarchistischen Netzwerk SüdWest

anarchopedia.org

anarchismus.at

Keine Angst vor Anarchismus! Via Das Mädchen im Park

Kommune:

losgehts.eu

Villa Locomuna

Kommune Niederkaufungen

Das Mädchen im Park

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