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losgehts

Den nachfolgenden Workshop hielt ich auf dem Los Geht’s 2015, einem zweijährig stattfindenden Informations-, Vernetzungs- und Gründungstreffen des Kommuja Netzwerks politischer Kommunen. Als gastgebender Veranstaltungsort diente dieses Jahr die Kommune Olgashof in Nordwest-Mecklenburg, wo sich 250 Interessierte und 50 Unterstützer*innen einfanden, um sich zu treffen, Projekte zu finden oder selbst Kommunen zu gründen. Circa 18 Teilnehmer*innen fanden sich am Samstag  für den 1,5-stündigen freien Workshop „Kommune und Anarchismus“ ein.

Ich selbst bin angehender Kommunarde in einer politischen Kommune des Kommuja-Netzwerks, der Villa Locomuna, sowie organisierter Anarchist. Der folgende Workshop soll nicht nur auf die Gemeinsamkeiten der beiden Themenfelder hinweisen, sondern auch mögliche Schnittstellen erarbeiten, Hemmungen abbauen und Bewusstsein schaffen. Mich führte die Beschäftigung mit dem Thema Anarchismus und die Praxis in anarchischen und explizit anarchistischen Gruppen zu der Konsequenz, auch mein Wohn- und Lebensverhältnis nach diesen Idealen zu gestalten. Wie auch mein Veganismus, Verzicht auf Flugreisen und eine Orientierung an nachhaltigem, ökologischem, regionalem und saisonalem Konsum, ist dies Ausdruck eines Versuchs, die Utopie bereits im Hier und Jetzt zu leben. Die Elemente der Utopie, die bereits jetzt unter zumutbaren und realistischen Anforderungen umzusetzen sind, setze ich auch gerne um. Dies hat vielerlei Gründe, unter anderem den Beweis der Machbarkeit, die Vermeidung des Vorwurfs der Heuchelei, aber auch des Gewinns an Lebensqualität, das Sammeln praktischer Erfahrungen und wichtiger Kompetenzen und nicht zuletzt Gewinnung wichtiger Rückschlüsse auf die Theorie und Utopie.

Über ein Brainstorming wurde das Vorwissen der Teilnehmer*innen abgefragt und die Kernelemente der beiden Themen gesammelt. Auf dem Los Geht’s erfahren die Teilnehmer*innen in vier Basisworkshops wissenswertes zu den vier Themenschwerpunkten Konsens, Kommune & Politik, Gemeinsame Öknomomie sowie Kommunikation & Soziales. Überraschenderweise waren auch die Antworten zum Begriff Anarchismus sehr ergiebig, wobei in der nachfolgenden Übersicht die ersten fünf Begriffe zum Thema Anarchismus bereits angeschrieben waren nach Nennung enthüllt wurden.

Brainstorming: Was fällt Euch zum Thema „politische Kommune“ ein? Brainstorming: Was fällt Euch zum Thema „Anarchismus ein?
Gemeinsame Ökonomie Hierarchiefreiheit
Entscheidungsfindung Konsens
Bandenbildung Selbstorganisation
Herrschaftskritik Solidarische Ökonomie
Hierarchiekritik Herrschaftsfreiheit
Subsistenz Keine Gewalt gegen Menschen und Tiere
Solidarität Bezugsgruppen
Feminismus Anarchosyndikalismus
Kommunikationsformen Kritische Auseinandersetzung mit „Arbeit“
Konsens Emanzipation
Vorbildfunktion Kapitalismuskritik
Aktivismus & Widerstand Keine Grenzen
Privilegien Toleranz
Solidarität vs. Autonomie [Chaos, Gewalt, Schwarzer Block]
Kritik an Eigentum und Besitz Antiparlamentarismus
Selbstorganisation Antinationalismus
Direkte Aktion
Anarchafeminismus
Punks

Die Nennungen, die bei beiden Brainstorming-Runden aufkamen wurden durch Unterstreichung hervorgehoben und zeigen deutlich die wichtigen Überschneidungspunkte der Ideen der Kommune-Bewegung und des Anarchismus. Nennungen in eckigen Klammern stellen Vorurteile dar, die ewartungsgemäß bei solchen Fragestellungen genannt werden. In diesem Fall war das Vorwissen der Teilnehmer*innen so groß, dass dies nicht der Fall war. Doch trotz allem ist nicht jeder und jedem klar, warum genau diese Begriffe wie Chaos und Gewalt nichts mit Anarchismus und erst Recht nicht mit Anarchie zu tun haben. Damit alle auf dem selben Nenner sind, was die Verwendung dieser Begriffe angeht, wurden der nachfolgenden Folie die Begriffsdefinitionen des Vortragenden in gebotener Kürze vorgestellt:

Anarchie– … ist Ordnung ohne Herrschaft- aus dem griechischen an archia = ohne Herrschaft

– Gesellschaftsordnung bzw. Utopie, basierend auf Werten wie Freiheit, Kooperation, Autonomie, Herrschaftslosigkeit, uvm.

DAS ZIEL

anarchisch– ohne Gesetze und ohne Justizsystem, stattdessen selbstbestimme Regeln auf freiwilliger Basis- ohne Herrschaft, ohne Hierarchie, nicht durch Zwang durchgesetzt

– Konsensual

→ z.b. (zumindest teilweise) Kommunen

Anarchismus– Weltanschauung(en), die versucht,1. Herrschaftsstrukturen zu identifizieren

2. sie auf ihre Legitimität zu überprüfen und

3. illegitime Herrschaftsstrukturen abzubauen

– Gerichtet gegen autoritäre Konstrukte wie Staat, Nationalismus, Kapitalismus, Patriarchat, autoritäre Religionen, Faschismus, Rassismus, ..

DER WEG

anarchistisch– Praxis von politischen Gruppen, die explizit Anarchismus als Weltanschauung haben und die Anarchie erreichen wollen- für freiheitliche Ideale kämpfend, agitierend oder bildend

→ vereinzelt auch anarchistische Kommunen (wie zum Beispiel zum großen Teil der Lossehof in Kassel)

Als Kernthese stellte ich die Behauptung auf, dass gemäß der oben stehenden Definitionen wundersamerweise die meisten Kommunen des Kommuja-Netzwerks in ihren Grundzügen anarchisch sind, jedoch die wenigsten explizit anarchistisch. Für beide Bewegungen kann dies wichtige Rückschlüsse bieten. Für die Kommune-Bewegung könnte die bereits jetzt gelebte Utopie einer ihr selbst wenig bekannten Utopie mehr inhaltliche Tiefe und breite Aufstellung bieten. Der anarchistischen Bewegung könnten durchaus viel mehr anarchische Projekte gewahr werden, sowie generell die Tatsache, dass ihre Ideen und Theorien bereits in Teilen gelebte Praxis sind, ohne jedoch dabei eine Rolle gespielt zu haben und ohne eine starke Vernetzung und Austausch zu realisieren. Denn es ist auf jeden Fall festzustellen, dass trotz aller gemeinsamen Überzeugungen und Praktiken, es nicht nur keine Vernetzung und keinen Austausch, sondern nicht einmal ein gegenseitiges Gewahrwerden stattfindet. Im zweiten Teil des Workshops sollen diese Aspekte durch eine moderierte Diskussion anhand von drei Diskussionsfragen näher beleuchtet werden.

Vorab sollte aber nicht nur geklärt werden was Anarchismus ist, sondern auch was es nicht ist. Dies konnte anhand der vormals genannten Begriffe „Chaos, Gewalt und Schwarzer Block“ erläutert werden:

Anarchie ist nicht Chaos

denn Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft. Das bedeutet, dass auch in der Anarchie Regeln gelten, aber selbst gewählte Regeln in freier Vereinbarung unter Gleichen, an Stelle von starren Gesetzen, durchgesetzt mit Zwang.

Die Bestandteile Selbstorganisation und Autonomie zeigen auch heute schon, dass Anarchie nicht chaotisch ist, als Beispiel wurde hier verwiesen auf die Praxis in der Kommune Villa Locomuna, in Form von Patenschaften für alle regelmäßig anfallenden Aufgaben, den Kochplan, das Plenum der Wirtschaftsgemeinschaft, inklusive Zeitökonomie, uvm.

Anarchismus ist nicht Gewalt

denn es gilt im Anarchismus dass zu jeder Zeit die Anwesenheit des Ziels in den Mitteln gewahrt bleiben soll. Des Weiteren ist spätestens seit dem Widerstand von Anarchist*innen gegen den ersten Weltkrieg der Antimilitarismus ein wichtiges Element von Anarchismus.

Jedoch gilt für viele Anarchist*innen auch, dass Selbstverteidung und Notwehr legitim sind, genauso wie Widerstand gegen Unterdrückung, wenn friedliche Mitteln versagen. Zu guter Letzt gibt es auch die Strömung Anarchopazifismus, symbolisiert durch die schwarz-weiße Fahne.

Der Schwarze Block“ ist nicht Anarchismus

denn der sogenannte Schwarze Block ist lediglich eine Demonstrationstaktik diverser Gruppen und Bewegungen (links wie rechts), mit den Zielen:

– Schutz des Individuums vor Repression

– Schutz von direkten und militanten Aktionen

Aber oft ist komplett schwarze Kleidung, teilweise auch Vermummung, „normales Auftreten“ vieler Anarchist*innen auf Demos u.ä., teils aufgrund eines „autonomen Habitus“ oder schlichtweg „Szene-Mode“. Des Weiteren dient dies auch der Abgrenzung vom Bürgertum und dem Ausdruck der Ablehnung desselben. Dadurch steht sich die Bewegung jedoch auch beizeiten selbst im Weg einer Verbreitung und Vergrößerung, stattdessen verbleibt sie klassisch in der jugendlich-linkslibertären Szene. Hier operiert die Bewegung jedoch auch in einem Spannungsfeld von Kompromisslosigkeit versus Dialogbereitschaft. Die konsequente Kompromisslosigkeit ist wichtig, um die eigenen Ideale nicht verwässert zu sehen, sollte aber nicht zu einer fehlenden Dialogbereitschaft mit anderen gesellschaftlichen Akteuren führen.

Die Verknüpfung der beiden Themenfelder Kommune und Anarchismus sollte in der zweiten Hälfte druch eine moderierte Diskussion erzielt werden. Die Teilnehmer*innen nutzten trotz fallenden Temperaturen im Schatten und aufkommenden Windes die verbleibenden 45 Minuten sehr rege. Die Schwerpunktfrage war:

1. Was könnte die Kommune-Bewegung aus der Beschäftigung mit dem Anarchismus für die Kommune-Praxis mitnhemen? Wo seht ihr mögliche Anknüpfungspunkte?

Die Teilnehmer*innen identifizierten einige Aspekte sowohl für die externe als auch die interne Kommune-Praxis, die mit der Beschäftigung mit Anarchismus einfließen könnten. Auf der Ebene der externen Praxis zum Beispiel einen Ausbau der politischen Praxis und der Gesellschaftsveränderung, sowie eine kohärentere Utopie und politische Wirkung. Die meisten Aspekte die genannt wurden zielten aber eher auf die interne Praxis der Kommune-Bewegung. Auch wenn die meisten Kommunen herrschaftskritisch und hierarchiekritisch sind und ihre Strukturen dieses auch versuchen zu vermeiden, könnte ein konsequenter Anarchismus auch helfen, sogenannte informalle Hierarchien abzubauen sowie Herrschaftsfreiheit konsequenter zu leben. Es wurden auch strukturelle Hierarchien auf die Gesamtgesellschaft identifiziert, die abzubauen wären. Diese wurden durch weitere Wortbeiträge ausdifferenziert in den Wunsch nach dem Abbau von Zugangsbarrieren sowie der Reflexion der eigenen Privilegien und dem Teilen derselben.

So bietet das Konzept der Critical Whiteness, des kritischen Weißseins, Anhaltspunkte für den Umgang mit den eigenen rassistischen Privilegien, die auch für die Kommune-Bewegung von großem Belang sein können. Denn ein weiterer Teilnehmer und Mitkommunarde identizifierte die Kommune-Bewegung als „elitären Haufen“ – Bildungsniveau, Herkunft und Einkommen sind relativ homogen und quasi-elitär. Jedoch sind eben diese Orte auch Schutzräume, vor den Unsicherheiten des kapitalistischen Systems wie dem Wohnungsmarkt, und sie sind Orte der (Selbst-)ermächtigung, denn Aktivismus in Hineinwirken in die Gesellschaft werden erst ermöglicht durch die eigene Absicherung und Lebensqualität, physisch ebenso wie sozial. Letztlich kann jedoch festgehalten werden, dass sowohl die Ideen der Kommune-Bewegung als auch des Anarchismus den Anspruch der Allgemeingültigkeit und Massentauglichkeit haben. Zwar kann eine „Reinheit“ und vollständige Umsetzung der Utopie im herrschenden System sicher nicht erreicht werden, aber die Öffnung für eine breitere und diversere Öffentlichkeit würde auch diese Tauglichkeit auf die notwendige Probe stellen und Rückschlüsse für beide Bewegungen und Utopien bieten. Zudem muss die Öffnung nicht zwangsläufig Hindernis sondern bedeuten, sondern eher als Bereicherung wahrgenommen werden, sei es durch Menschen mit Behinderungen, Menschen aus anderen Kulturkreisen wie z.B. Geflüchtete, oder Menschen, die aufgrund ihres Genders diskrimiert werden.

Ich selbst markierte auf der Brainstorming-Folie noch einige Nennungen, von denen ich finde dass sie für die jeweils andere Bewegung eine Betrachtung wert sind, diese sind in oben stehender Taballe durch Fettschrift hervorgehoben.

2. Warum sind viele anarchisch strukturierte Projekte nicht mit den Ideen des Anarchismus vertraut?

Die Gründe hierfür verordneteten die Teilnehmer*innen größtenteils an zwei verschiedenen Orten: dem propagierten Bild von Außen und geschichtlichen oder strategischen Faktoren innerhalb der Bewegung. So war die allererste Assoziation das schlechte Bild, welches durch sowohl bürgerliche Mainstream-Presse als auch alteingessese linke Medien verbreitet wird, quasi ein Angriff von zwei Seiten. So ist es aber auch der Sprachgebrauch, die die Ideen fortwährend im falschen Licht darstellt, wie zum Beispiel bei der Berichterstattung aus Krisengebieten, mit der Aussage dass dort „die Anarchie herrsche“, eine auf gleich mehreren Ebenen irreführende Aussage.

Doch auch die Bewegung selbst hat dies in Teilen selbst verschuldet. So ist es nicht nur die – eigentlich recht kurze und unbedeutende Phase – der „Propaganda der Tat“ (einer blutigen Epoche von Bombenattentaten auf staatliche Repräsentant*innen durch anarchistische Attentäter*innen in Frankreich, nach der Zerschlagung der Pariser Kommune) sondern auch schlichtere Dinge wie mangelnde Jugendarbeit, warf ein Teilnehmer ein. Ein weiteres Problem stellt die Gefahr der Schaffung von Insellösungen dar, das Bilden kleiner anarchischer Kreise und Projekte und ein „Wohlfühlaktivismus“ bieten die Gefahr einer reduzierten Außenwirkung und selektiver Wahrnehmung.

Die momenane Schwäche der Idee im deutschsprachigen Raum ist auch eben genau dies: Ein regionales Problem des deutschsprachigen Raumes, in vielen anderen Ländern gibt es große, selbstbewusste und explizite anarchistische Bewegungen, wie zum Beispiel in Spanien oder Griechenland.

3. Aus welchen Zusammenhängen kommt ihr, und hat sich euer Bild von „Anarchismus“ oder von „Kommune“ jetzt in einer Form verändert?

Die Teilnehmer*innen setzten sich größtenteils aus Menschen zusammen, die noch wenig Erfahrung mit der Kommune-Bewegung hatten, viele wohnen jedoch in WGs, Hausprojekten oder Gründungsgruppen, die noch ganz am Anfang stehen. Sie fühlten sich durchweg als herrschaftskritisch und anarchistisch, ohne jedoch eigenen Aussagen nach sich umfassend mit der Theorie beschäftigt zu haben. Nur wenige Teilnehmer*innen veränderten ihr Bild von Anarchismus und/oder von Kommune, da die meisten auf beide Themen schon sehr realitätsnahe Konzepte besaßen. Das Feedback zum Workshop viel durchweg positiv aus, viele freuten sich dass ihnen der Begriff Anarchismus auf dem Los Geht’s begegnete und möchten die Verbindung der beiden Themen nun auch in ihr eigenes Umfeld hineintragen. So gut wie alle ausliegenden Broschüren, wie die Einführungsbroschüre des A-Netz SüdWest, eine Ausgabe der Gai Dao oder das Manifest Alles Verändern wurden mitgenommen.

Mehr Infos:

In den letzten Jahren in diversen Regionen im deutschsprachigen Raum starke Vernetzung und Organisierung hingewiesen, sowie die Neuentstehung vieler Lokalgruppen. Die Vernetzung und Föderierung stärkt auch die noch junge Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen, welche wiederum ermöglicht, dass die Idee weitere Verbreitung im Gebiet erzielt. Wer tiefer in die Marterie des Anarchismus oder der Kommune-Bewegung eintauchen möchte, kann sich an den unten verlinkten Medien orientieren:

Anarchismus

Stowasser, Horst: Anarchie! (z.B. in einer Uni-Bibliothek) oder in einer früheren Version downloadbar als Freiheit Pur! (PDF)

Gai Dao – Monatszeitung der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen

graswurzelrevolution – anarchistische Monatszeitung

fda-ifa.org – Homepage der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA)

Alles verändern! Ein anarchistischer Aufruf. Von Crimethinc

Anarchismus – Eine Einführung. Vom Anarchistischen Netzwerk SüdWest

anarchopedia.org

anarchismus.at

Keine Angst vor Anarchismus! Via Das Mädchen im Park

Kommune:

losgehts.eu

Villa Locomuna

Kommune Niederkaufungen

Das Mädchen im Park

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Das Mädchen im Park

Es mutet schon ein wenig paradox an: Ich sitze in einer Vorlesung und lasse mir die Grundlagen der Volkswirtschaftslehre erklären. Das ist nicht sonderlich kompliziert und klingt auf den ersten Blick auch alles relativ logisch. Verlasse ich allerdings den Hörsaal, bekommt diese Logik gewaltige Risse – und das gleich aus zwei Gründen.

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Für viele Menschen scheint das Ende des Kapitalismus nur mit Verzicht und der Rückkehr in die Steinzeit einher zugehen. Dabei haben vor allem anarchistische Gegenentwürfe einiges zu bieten: Unsere Leben könnten gerechter, nachhaltiger und viel angenehmer sein – und unsere Technik und unser Wissen ausgereifter.

„Sag mal, glaubst du wirklich, ohne den Kapitalismus hätten jemals solche Dinge wie Smartphones entwickelt werden können?“ So oder so ähnlich lautete neulich eine Frage an mich. Eine gefährliche Frage, aber ich war einigermaßen vorbereitet, denn ich hatte mir da selbst einige Gedanken zu gemacht. Die Frage ist deshalb so brisant, weil sie vermeintliche Vorzüge des Kapitalismus aufzuzeigen versucht und gleichzeitig die von mir vertretenen Utopien mit dem Mittelalter gleichsetzt. (Tatsächlich gibt es Gruppen und Personen, die für eine primitivistische Variante des Anarchismus einstehen). Auch ich muss zugeben, dass für mich eine deindustrialisierte Welt dem jetzigen zerstörerischen Kapitalismus immer noch deutlich vorzuziehen ist. Denn was bedeutet all der technische Fortschritt ohne sozialen Fortschritt? Was bedeutet unser Wissen, wenn es die Lebensgrundlage der Arten zerstört? Doch der Weg zurück ist keine Option. Stattdessen können wir eine wirklich moderne und gerechte Wirtschaft jenseits des Kapitalismus aufbauen.

Im Kapitalismus ist alles doof

Die heutige Forschung basiert auf einem System der globalen Konkurrenz, der Erschließung immer neuer Märkte, der Ausbeutung aller Ressourcen und des Zwangs zu immer schneller werdendem Wachstum. Dies hat uns selbstverständlich viele hochmoderne Spielzeuge verschafft, die noch vor einem Jahrzehnt nur in Science Fiction-Filmen möglich schienen. Auch hat dieses Prinzip den Technik produzierenden Teil unserer Wirtschaft produktiver gemacht und durch Automatisierung immer weiter rationalisiert.

All dies wird heute mit dem irreführenden Begriff des „technischen Fortschritts“ zusammengefasst. Die Folgen desselben für Mensch, Tier und Umwelt jedoch sind verheerend. Der Klimawandel droht sich zu verselbständigen und den gemeinsamen Lebensraum, den dieser Planet bietet, zu zerstören. Der menschliche Körper wird durch Tausende von Industriegiften langsam vergiftet. Die Tiere, die wir halten, verbringen ein gleichsam elendes wie kurzes Leben in unseren Tierfabriken. Die Pflanzen werden manipuliert, die Böden verseucht und die Luft verpestet.

Für unseren Hunger nach Fleisch, seltenen Erden und fossilen Brennstoffen aber leidet nicht nur das Ökosystem. Die sozialen Folgen sind noch viel katastrophaler als die meisten Menschen sich vorzustellen bereit sind. Unsere Wegwerf-Mentalität, die Konsumgesellschaft und der massenhafte Konsum industriell gefertigter „Lebensmittel“, die mal Lebewesen waren, ist einer der Hauptgründe für den täglich tausendfachen Hungertod auf dieser Welt inmitten des Überflusses. Die Unterordnung aller Lebensbereiche, aller Gesellschaften auf allen Kontinenten unter die Verwertungslogik des Kapitalismus bewirkt, dass die Dinge, die niemanden gehören können und für alle da sein sollten, immer weniger Menschen zugute kommen.

Das beste Beispiel für diese Perversion ist Afrika: Einer der größten Kontinente auf diesem Planeten, mit erstaunlich wenig Einwohnern pro Quadratkilometer, einer riesigen Artenvielfalt, diversen Klima- und Vegetationszonen, einer reichen kulturellen Vielfalt und vor allem enormen Vorkommen von Ressourcen. Afrika kann mit Fug und Recht als der reichste Kontinent von allen bezeichnet werden. Dennoch leben dort unglaublich viele Menschen in Armut. Eine Armut, die dort oft zum Hungertod führt. An dieser Stelle kommen oft die Einwände, daran seien die Staaten dort selbst schuld, denn die ständigen Bürgerkriege und Diktaturen ließen eben einen gesunden Markt nicht zu. Statt ihre Länder zu entwickeln schießen sie sich gegenseitig ab. Doch nicht nur die Tatsache, dass es in ganz Afrika keine einzige Waffenfabrik gibt, zeigt, dass der Markt die eigentliche Ursache dieses Übels ist.

Nein, für unseren „technischen Fortschritt“ müssen dort kleine Sklavenkinder von Soldaten bewacht in Minen Coltan und Tantal schürfen für unsere Laptops und Smartphones. Der Ressourcenhunger der westlichen Welt zerstört dort jede Chance auf ein gutes Leben. Shell zerstört die Umwelt und vertreibt Ureinwohner mit Söldner- und Militärgewalt. China hat erst alle Mineralressourcen, die zu kaufen waren, aufgekauft, dann die Minen, dann die Gelände, auf dem sie stehen und mittlerweile gleich ganze Landstriche. Amerikanische und deutsche Waffen bringen den Produzenten großen Profit und im globalen Süden tägliches Leid. Ganze Diktaturen basieren nur auf dem Handel mit Diamanten für die Ohrringe in westlichen Kaufhäusern .

All dies weil Gewalt die kapitalistischen Prinzipien global aufrecht erhält. Das Prinzip von privatem Eigentum an öffentlichen Gütern wie Ressourcen, Infrastruktur und Land, die Logik von Geld, Schuld, Zins und Zinseszins treibt die armen Staaten immer tiefer in die Armut und Abhängigkeit. Kleinbauern und Familien sind dem das ewige Diktat des Marktpreises auf Grundnahrungsmittel der Gnade von Nahrungsmittelspekulant*innen, Investor*innen und protektionistischen Außenhandelspolitiken ausgeliefert. Eine Gnade, bei der wir mittlerweile wissen, dass sie sie nicht haben.

Drei Beispiele, warum der Kapitalismus nur Schrott bietet

„Ok“,mag ein Mensch sagen, „dafür haben wir hier die ganze moderne Technik und ein leichteres Leben, was kümmern mich die anderen?“ Abgesehen davon, dass dies eine menschenverachtende und autoritäre Ansichtsweise ist (ich es aber leider auch schon gehört habe), gibt es noch einen Fehler darin: Unser Leben ist weder besser geworden noch ist die uns umgebende Technik irgendwie fortschrittlich, modern oder auch nur gut.

Anhang dreier Beispiele, aus unserem Alltag lässt sich zeigen, dass die Prinzipien, die unsere Wirtschaft bestimmen, dazu führen, dass unsere Waren bestenfalls suboptimal sind.

Das erste Beispiel ist der folgende Zusammenhang: Im Kapitalismus wird nicht für den Verbraucher und seine Bedürfnisse produziert, sondern schlicht und einfach für den Profit. Was produziert wird, wie es produziert wird und wie gut oder schlecht es ist, ist dem Produzenten egal, solange es sich verkauft und Profit erwirtschaftet. Zwar wird Marktforschung betrieben, um herauszufinden, wie die Verbraucher*innen ticken, aber die Ergebnisse fließen eher in Marketingstrategien ein. Marktforschung, Marketing, Produktdesign, Corporate Identity und Corporate Design sind die Hauptbetätigungsfelder moderner Unternehmen. Produzieren kann jeder, und was jeder kann, kann mensch auch billig in Schwellenländern herstellen lassen. Dies bedeutet, dass die Waren quasi erst produziert werden, und erst dann eine Nachfrage geschaffen werden muss, um sie zu verkaufen.

Was ist daran so problematisch? Folgende Überlegungen fanden im ganzen Prozess keine Berücksichtigung: Ob die Welt auf das Produkt gewartet hat, ob es uns wirklich voranbringt, ob wir es wirklich alle brauchen und ob sich der ganze Aufwand, sprich, die ganzen Ressourcen, das ganze CO2 und die ganze Arbeitskraft und Arbeitszeit, es wirklich wert sind. Uns fallen sicher Hunderte Produkte ein, die wir letzten Endes nicht wirklich brauchen und für deren Genuss wir eh keine Zeit haben. Umgekehrt fallen uns viele Projekte und Technologien ein, die die Welt wirklich zu einem besseren Ort machen könnten.Diese wurden aber nicht entwickelt, aus diversen Gründen, zu denen wir noch kommen. Warum an Stelle von nützlichen die unnützen Dinge hergestellt werden lässt sich gesamtgesellschaftlich logisch nicht beantworten.

Um diese Logik geht es auch im zweiten Beispiel: Nehmen wir die Smartphones aus dem Einleitungssatz, eine unserer neuesten und geliebtesten Errungenschaften. Sogar ich habe eins, auch wenn es ein geschenktes Testexemplar des Hersteller ist. In gewisser Hinsicht kann mensch die Dinger schon bewundern: Auf der Größe einer Hosentasche ist in ihnen die 20-fache Rechenleistung meines ersten PCs verbaut. Es kann nicht nur telefonieren und SMS schreiben, es ist auch mein Kalender, mein Wecker, eine Spielekonsole, ein Fotoapparat, ein Notizblock, eine Taschenlampe, ein Navigationsgerät, ein MP3-Player – im Grunde ein kleines Büro! Und das sind nur die Basis-Funktionen, es kann auch das Auto starten, die Heizung regulieren oder eine Drohne steuern. Es ist damit viel mehr als ein Laptop je war. Was übrigens nicht heißen soll, dass wir all die anderen Dinge nicht trotzdem noch hätten.

Was also habe ich daran auszusetzen? Ganz einfach: In jedem Bauteil ist die kapitalistische Logik mit verbaut. Hitzeempfindliche Bauteile sind neben Hitze erzeugenden Teilen verbaut, damit sie nicht zu lange halten und wir somit bald ein neues brauchen. Dies nennt mensch geplante Obsoleszens, ein mehr oder weniger illegaler Prozess, den aber doch alle anwenden. Selbst ohne dieses obszöne Meisterstück der Ingenieurskunst sind die Geräte schnell obsolet: Betriebssysteme, Anwendungen, Schnittstellen und Netze werden mit einer enormen Schlagzahl erweitert und aufgerüstet ohne abwärts kompatibel zu sein. Die Produktzyklen werden immer kürzer. Mittlerweile spielen schon modische, kulturelle oder gar semi-religiöse Aspekte eine Rolle.

Das iPhone ist das beste Beispiel: Auch wenn die Kund*innen vorher ganz glücklich waren mit ihrem iPhone 5, das alles Mögliche kann und ordentlich Geld gekostet hat, kaufen sie sich alle das iPhone 6, sobald es erscheint, für noch mehr Geld, ohne dass es wirklich viel mehr kann als das Vorgänger-Modell. Was kaputt geht, lohnt sich aus marktwirtschaftlicher Sicht nicht zu reparieren und wird ausgetauscht, ein neueres Modell ist eh da. Für Reparatur sind die Geräte eh nicht ausgelegt, dies läuft dem Profit-Interesse der Hersteller entgegen.

Die viel beschworene Konkurrenz der Hersteller untereinander, der von den Marktradikalen fast mystische Kräfte zugeschrieben werden, führt in der Realität ebenfalls zu letztlich schlechter Technik und einem Schaden für die Allgemeinheit. Der Krieg der Patente bedeutet, dass eventuell ganz gute Lösungen von technischen Problemen nur von einem Hersteller verwendet werden dürfen, alle anderen müssen minderwertig produzieren. Zudem werden auf total banale Dinge Patente angemeldet, wie gewisse geometrische Formen, neue Abstufungen der Farbe Blau oder ein bestimmtes Kabel. Wenn möglich, versuchen die Hersteller ihre eigenen Systeme und ihre eigenen Schnittstellen zu verwenden, um die Kund*innen an die gesamte restliche Produktpalette zu binden und der Konkurrenz das Wasser abzugraben, was im Alltag aber nur zu Frust führt.

Letztlich forschen Tausende hochspezialisierte und begabte Menschen gegeneinander statt miteinander. Sie forschen parallel an fast derselben Technik, aber mit der Gewissheit, dass eventuell am Ende nur wenige Hersteller den Markt beherrschen und somit die ganze Arbeit umsonst war. Statt ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten, Wissensschätze und Technologien miteinander zu teilen und gemeinsam weiterzuentwickeln, um das bestmögliche Produkt zu entwerfen, verwenden die Unternehmen ihre Energie lieber auf Anwälte, um der Konkurrenz zu schaden, sowie Orte für billige Produktion um jeden Preis und Steuerflucht.

Bisher könnte mensch meinen, das sei alles nicht so tragisch.Wenn Smartphones nicht gut wären, hätten ja nicht so viele eins, also scheint ja was dran zu sein, unabhängig von den zu Grunde liegenden Prinzipien und etwaigen moralischen Problemen. Doch was noch nicht vollständig berücksichtigt wurde, ist, was es für uns und die Umwelt bedeutet, dass wir alle Autos und Smartphones haben und für den Urlaub Interkontinentalflüge buchen. Die aktuelle Spielart des Kapitalismus erlaubt nämlich das Ausnutzen von sogenannten externalisierten Kosten, um die Produkte künstlich billig zu gestalten, sodass so hochtechnisierte Gerätschaften überhaupt für den Massenkonsum durch „Ottonormalverbraucher“ taugen.

Die Rede ist vom so genannten „ökologischen Rucksack“. Um zu zeigen, dass auch die Vertreter eines „grünen Wachstums“ und „nachhaltigen Kapitalismus“ dies nicht alles ganz durchdacht haben, ist das dritte Beispiel ein modernes Elektroauto. Es ist zwar relativ gesehen „besser“,als Benziner oder ein Diesel, aber das macht es noch lange nicht gut. Was viele nicht wissen ist, dass bei modernen Autos 50 Prozent des CO2-Verbrauchs im Verlauf der Produktion entstehen, also bevor das Ding auch nur einen Meter gefahren ist. Dieser CO2-Ausstoß löst eine Kette von Folgen aus, die erhebliche gesellschaftliche Kosten erzeugen, und zwar für die gesamte Gesellschaft, auf dem ganzen Planeten sowie für nachfolgende Generationen. Also auch für Menschen, die sich niemals in ihrem Leben ein solches Gefährt würden leisten können. Diese Kosten aber werden auch noch externalisiert, das heißt, sie sich nicht im Produktpreis eingepreist.

Durch die speziellen Eigenschaften der industriellen Massenproduktion, der verschachtelten Wertschöpfungskette und schlichter rücksichtsloser Ausbeutung natürlicher Ressourcen können die Stückkosten auf ein Minimum gesenkt werden. Bei hoher Stückzahl kann mit einer geringen Marge kalkuliert werden und so gleichzeitig ein „wettbewerbsfähiger“, günstiger Verkaufspreis erzielt werden und Profit gemacht werden. Dieser Verkaufspreis spiegelt aber in keinster Weise den Wert der darin enthaltenen Rohstoffe wider, auch lassen sich nicht einmal ansatzweise die entstandenen Auswirkungen auf das Weltklima neutralisieren. Nicht einmal faire Rohstoff-Preise für die fördernden Länder oder faire Löhne sind in diesem Preis enthalten. Allein die kapitalistische Logik führt dazu, ein so unnachhaltiges Produkt für den Massenkonsum zu produzieren. Der eigentliche Preis eines solchen hochtechnisierten Produkts läge sicher bei mindestens dem Zehnfachen.

Eine andere Welt ist möglich, und eine mögliche Welt ist anders

Was aber wären die Alternativen? Sollen Elektroautos etwa nur ein Privileg einer kleinen Schicht von Superreichen sein? Oder sollen Gesetze uns zur Mäßigung zwingen? Sollen wir gar in ein neues Mittelalter abgleiten?

ANichts von alledem wäre die Alternative, die mir und vielen anderen Anarchist*innen vorschwebt. Die Utopie, die wir vertreten, ist kein fest geformtes Modell zum Überstülpen und keine starre Ideologie zum Hinterherlaufen. Und auch eine Planwirtschaft, die nur ein gut versteckter Staatskapitalismus ist, wie ihn die autoritären Kommunist*innen in der Vergangenheit so oft erfolglos probiert haben, ist keine Lösung. Nein, wir wollen, dass die Menschen sich selbst befreien, indem sie sich selbst organisieren und neue Gemeinschaften bilden, die auf den Prinzipien der Kooperation und der gegenseitigen Hilfestellung basieren. Diese Gemeinschaften können extrem pluralistisch in ihrer Natur sein. Basis ist die freie Vereinbarung, das bedeutet, niemand ist gezwungen, sich einem System zu unterwerfen oder in eine bestimmte Gemeinschaft einzutreten. Die Überwindung des Kapitalismus muss mit einer Überwindung der Staaten und des Nationalismus einhergehen, um jegliche Herrschaftsverhältnisse aufzubrechen, keinen Raum für erneute Unterdrückung zu schaffen und neue herrschaftsfreie Gesellschaften aufzubauen. Unser Wirtschaften würde einen völlig anderen Charakter haben: Jeder und jede nach seinen bzw. ihren Fähigkeiten, jeder und jede nach seinen bzw. ihren Bedürfnissen. Diese Utopie der Anarchie bietet auch schon einige Konzepte, die wir uns bereits in der heutigen, von kapitalistischer Herrschaft geprägten Welt vorstellen können.

Das Konzept der Solidarökonomie ist eine solche gelebte Utopie. Sie kann im Hier und Jetzt verwirklicht werden, ist unserem derzeitigen Wirtschaftssystem jedoch komplett entgegengesetzt. Ihr Ziel ist eine Wirtschaft, die auf Freiwilligkeit, Kooperation, Hilfestellung und – wie der Name schon sagt – Solidarität beruht. Beispiele dafür sind solidarische Landwirtschaft, Kooperationsbetriebe, Küche für alle und Umsonstläden. Das Ziel ist eine Gesellschaft, die ohne Geld und ohne Privateigentum an öffentlichen Gütern auskommt. Denn nur so lässt sich die kapitalistische Logik vollständig durchbrechen.

Ein Umsonstladen funktioniert nicht wie ein Tauschring, wo ich den Gegenwert der von mir gegebenen Ware erwarte, sondern ist bedingungslos. Dies nicht allein aus altruistischen Gründen. Ich gebe heute etwas, um mir sicher zu sein, dass ich eines Tages auch etwas bekomme,falls ich etwas brauche. So kann es also Menschen geben, die nur etwas mitnehmen, während einige Menschen gar nichts benötigen, sondern nur Dinge abgeben.

Jetzt kann mensch natürlich berechtigterweise anmerken, dass dies ja nur bei bereits hergestellten Dingen funktioniert, die Sachen aber auch irgendwie und irgendwo produziert werden müssen. Darin enthalten ist das alte aber unbegründete Vorurteil, ohne den Kapitalismus könne nichts mehr hergestellt werden. Mangel und Verzicht sind die beiden großen Dämonen, die dann herauf beschworen werden. Dabei ist Mangel die treibende Kraft des Kapitalismus, denn in Form von Knappheit bestimmt er den Wert aller Waren. Ist etwas nicht knapp, messen wir ihm keinen Wert zu. Ist etwas nicht knapp, was es aber aus Profit-Gründen sein sollte, so wird es künstlich verknappt. Auch ist zwanghafter Verzicht gelebte Realität von Milliarden Menschen. Dennoch muss mensch die Angst vieler heute privilegierter Menschen vor einem Verlust von Lebensqualität, Luxus und Bequemlichkeit ernst nehmen. Viele Menschen haben sich so an diese Ideen gewöhnt, dass sie viel eher bereit sind, ein „Weiter so“ zu akzeptieren, mit allen moralischen und umweltzerstörerischen Implikationen, als sich eine Welt des Mangels und des Verzichts als Zukunft vorzustellen. Aber wer wären wir, auch eine solche Welt zu fordern? Was wäre unsere Utopie, wenn sie dies als logische Folge hätte? Auf keinen Fall die Mühe Wert, dafür zu kämpfen. Denn natürlich werden weiter Dinge hergestellt, und zwar nur die Dinge benötigen, in genau der benötigten Menge. In einer modernen Industrie, die ressourcenschonend, energieeffizient, nachhaltig, kooperativ und transparent arbeitet.

Wenn wir aber unsere Vorstellungskraft noch ein bisschen weiter bemühen, können wir uns eventuell die Vision einer einer neuen Gesellschaft vorstellen, die nicht so ist wie die jetzige, in der es uns aber gut geht und wir nicht von Armut, Hunger und Tod bedroht sind und in der wir nicht im Müll unserer vorgeblichen Zivilisation drohen langsam zu ersticken.

Denn wirklich gut geht es uns ja gerade nun auch nicht, trotz (oder wegen?) all der technischen Spielereien: Die, die noch eine geregelte Arbeit haben, müssen alles tun, damit es so bleibt und sind zu Überstunden, weniger Gehalt und allen möglichen Schandtaten bereit. Viele sind moderne Tagelöhner*innen, verdingen sich durch Zeitarbeit, Leiharbeit oder Minijobs, manche auch als unbezahlte Praktikant*innen. Darunter kommt eine Schicht von Aussortierten und sozial und ökonomisch Abgehängten, die für die Wirtschaft lediglich als Konsument*innen für billigen und unnützen Tand noch taugen. Aber egal, auf welcher Seite mensch steht, gut geht es damit kaum jemanden, entweder mensch ist dem Burn Out- oder dem Bore Out-Syndrom nahe. Wir haben keine Freizeit, den Nutzen aus all den technischen Neuerungen zu ziehen, und wenn wir die Zeit haben, so haben wir kaum das notwendige Kapital, am Ball zu bleiben.- und dabei immer dieses Gefühl, noch nicht genug geleistet zu haben. Viele Menschen verzweifeln daran, psychische Syndrome häufen sich, die Selbstmorde ebenso. Und nach und nach werden vielen auch noch die moralischen Implikationen ihrer autoritären Lebensweise bewusst, ohne dass eine Alternative lebbar wäre, woran auch viele verzweifeln.

Die neue Gesellschaft basiert auf Bedürfnissen und auf Verteilungsgerechtigkeit der vorhandenen Ressourcen. Ein Großteil der Arbeit, die wir heute tun, ist für die Gesellschaft nicht förderlich, manches gar schädlich, in beiden Fällen aber überflüssig. An anderer Stelle wird nicht genug gearbeitet. Und die wenigsten arbeiten in dem Bereich, in dem auch ihre Interessen liegen. Stellen wir uns also vor, ein jeder und eine jede würde nur so viel arbeiten, wie es ihm oder ihr beliebt, in dem Bereich, in dem dieser Mensch die besten Fähigkeiten und das meiste Interesse hat, natürlich vereinbar mit seiner Lebensplanung, Kinderwünschen, anderen Hobbies und Interessen – und natürlich genug Freizeit. In der restlichen verbliebenen Arbeitszeit würde dieser Mensch mit anderen Menschen ohne krassen Zeitdruck oder Leistungsdruck gemeinschaftlich kooperativ zusammenarbeiten. Die Produkte der Arbeit wären sinnstiftend und ihr Nutzen für die Gesellschaft klar ersichtlich. Es wären zudem gute, faire und nachhaltige Produkte. Produkte, die nicht einer kleinen Minderheit, sondern allen die sie benötigen zur Verfügung gestellt werden würden.

Die Forschung wäre ebenfalls kooperativ ausgelegt, in etwa vergleichbar mit Open Source Software, also die Art und Weise wie Linux oder Wikipedia entstanden sind. Aus diesem Prinzip lässt sich eine ganze Ökonomie, die Open Source-Ökonomie herleiten. Produkte werden gemeinsam entworfen. Sie sind modular aufgebaut und allgemein kompatibel. Die Baupläne werden hochgeladen, können von anderen angesehen, kommentiert, heruntergeladen, bearbeitet, auf regionale Begebenheiten angepasst und wieder hochgeladen werden. Reparatur-Werkstätten setzen alte Geräte wieder in Stand und versuchen sie so lang wie möglich zu erhalten. Was wirklich für alle Zeit kaputt ist, kann up-, down- oder recycled werden, und zwar so vollständig wie möglich. Geschlossene Kreisläufe werden eine große Rolle spielen, sogenannte Crade-to-Cradle-Konzepte werden den Produkten zugrunde liegen, sodass nichts verschwendet wird. Die Ressourcen der Welt sind gerecht unter den Gemeinschaften des Globus aufgeteilt:Was der einen Region mangelt, wird ihr gegeben, was sie herstellt, solidarisch geteilt. Dabei wird versucht, in einem Gleichgewicht mit dem uns umgebenden Ökosystem zu bleiben, und auf fossile Brennstoffe komplett verzichtet.

All unsere Energie kommt aus regenerativen Quellen. Der Energiebedarf wurde schließlich auch drastisch gesenkt, durch effizientere Fortbewegungsmittel, weniger Gründe für individuellen Pendelverkehr, kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr und letztendlich vor allem durch maximal nur noch ein Drittel der jetzt existierenden Fabriken und sonstigen Produktionsstätten. Die Landwirtschaft wäre so aufgebaut, dass sie mit möglichst wenig Ressourceneinsatz und nah an der Natur möglichst viele Menschen in der umliegenden Region ernährt. Konzepte wie die solidarische Landwirtschaft, die biovegane Landwirtschaft und die Permakultur sind ein reicher Schatz an Praktiken, die uns auf dem Weg dahin helfen können. Nicht zuletzt unsere Bildung und unsere Kultur sind endlich frei von kapitalistischen Sachzwängen, genauso wie unsere Liebe und unsere Freizeit.

streetart

Aus dem derzeitigen Chaos eines entfesselten globalen Kapitalismus würde eine neue Ordnung entstehen, eine Ordnung ohne Herrschaft. In einer Welt ohne Herrschaft bestimmen die Menschen wieder selbst über ihr Leben, aber gemeinschaftlich mit anderen. Entscheidungen werden von allen Menschen, die sie betreffen im Konsens getroffen,. Statt Diktaturen, Scheindemokratien, Parteien, Politiker*innen, Militärs, Gefängnissen und Polizeiapparaten haben wir Nachbarschafts-Versammlungen und Delegierten-Treffen für den Stadtteil, die Stadt und die Region als einzige Instanzen einer selbst gegebenen Ordnung.
Dieser Umbau der Gesellschaft würde uns alle herausfordern, aber auch uns alle erfordern.

Es gibt viel zu tun. Packen wir es an!

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Weitere Artikel zu dem Thema bei Das Mädchen im Park:

Kommune: Eine bewusste Entscheidung

Ein Leben ohne Bedingungen

Die Zukunft des Teilens

Alles für alle und zwar umsonst!

Das Mädchen im Park

Es ist so naheliegend und doch für viele erst einmal gewöhnungsbedürftig: Einkaufen ohne Geld. Wie soll das gehen? Braucht es nicht irgendeine eine Gegenleistung, wenn ich ein Produkt mit nach Hause nehme? Muss ich mich nicht rechtfertigen, warum ich etwas brauche?

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Teil 1: Historie und Hintergründe

Global Day of Action – Der 15. Oktober 2011

Vor genau zwei Jahren wurde ich Teil einer transnationalen und globalen Protestbewegung. Angestoßen durch die Revolten des arabischen Frühlings und der spanische Bewegung 15. Mai fand eine Vernetzung unterschiedlichster Akteure statt. Durch das Hinzufügen eines kleinen „15O“ Symbols zu unseren Facebook-Profilbildern teilten wir mit, dass wir nun Teil der beginnenden Bewegung auch hierzulande waren. Binnen weniger Wochen entwickelte sich allein durch Facebook-Freundschaftsanfragen ein großes Netzwerk anpolitisierter Menschen. Gemeinsam bereitete man sich auf den ersten globalen Aktionstag am 15. Oktober vor, es fanden sich in Hunderten von Städten lokale Vorbereitungsgruppen zusammen, um die Demonstrationen zu planen. Etwas lag in der Luft, ein Gefühl Teil einer kollektiven Bewegung zu sein, einer neuen Idee, eines sich entzündenden Funkens. Der 15. Oktober war der Höhepunkt der Bewegung. Millionen Menschen in  über 1000 Städten in 80 Ländern gingen auf die Straße und schrien: „So geht’s nicht weiter!“ Viele dachten, die Zeit sei gekommen. Es war das vierte Jahr der sogenannten Subprime-Krise, milliardenschwere Rettungsschirme für Banken wurden errichtet, während die Menschen in vielen Ländern in Arbeitslosigkeit, Armut oder gar Obdachlosigkeit gerieten. Das Unrecht war offensichtlich, die Empörung berechtigt und lautstark. Das spanische Manifest verbreitete sich virulent. Aus dem erhofften Lauffeuer wurde nur ein Strohfeuer. Der Funke sprang nicht über.

Aus den Tausenden die hierzulande auf die Straße gingen, wurden Hunderte, die an weiteren Protesten teilnahmen, wurden Dutzende die ihre ganze Energie in die Aufrechterhaltung der Protest-Infrastruktur und der Informationskanäle steckten. Bis sie ausbrannten. Die Protestcamps auf dem ganzen Globus wurden geräumt, viele kehrten der Bewegung enttäuscht den Rücken, wandten sich wieder Parteien oder reformistischen Gruppierungen zu, oder dem Alltag. Viele Fehler wurden gemacht, vieles anfänglich missverstanden. Die Bewegung wollte intellektuell sein, gleichzeitig die arbeitenden Massen mitnehmen. Man verband radikale Positionen mit reformistischen Forderungen, von attac bis Antifa sollten alle mitmachen. Die radikale Linke solidarisierte sich nicht. Die arbeitenden Massen, die Prekarisierten und die Erwerbslosen kamen nicht. Man nannte sich „Occupy“ und „Echte Demokratie Jetzt!„, statt einer Massenbewegung entstand eine Art loses Netzwerk von neupolitisierten Intellektuellen und man versteifte sich auf das Organisieren basisdemokratischer Versammlungen und das künstliche Erzeugen von Empörung durch politische Gegeninformation.

Der Rechtsruck

Auch dieser Krieg der Informationen scheint verloren. Trotz Abgleiten großer Teile der europäischen Bevölkerung in die Armut, trotz ausufernder Überwachung durch die Geheimdienste verknüpft mit dem Errichten eines europaweiten Polizeistaats, einhergehend mit Militarisierung der Polizei, Polizeigewalt und Repression, trotz Abbau des Sozialstaats und dem Erreichen der Postdemokratie – die Bevölkerungen rücken nach rechts. Rassismus greift allerorten um sich, neofaschistische und neonazistische Parteien werden gewählt, deren Mobs auf den Straßen Griechenlands und Ungarns Jagd auf Roma, Sinti, Migrant*innen und Obdachlose machen, in Großbritannien, Österreich und Deutschland erstarken die rechten konservativen Kräfte und stellen die Regierungen, rechtspopulistische Parteien gewinnen an Zulauf, hierzulande und in ganz Europa.

Die wichtigen Herausforderungen der Zukunft werden nicht angegangen, die Altersarmut, der demografische Wandel, der Klimawandel und Ressourcen-Knappheit. Stattdessen sieht die Zukunft in Europa düster aus: Eine technokratische Dystopie aus kalter neoliberaler Ideologie und Polizeistaat.

Teil 2: Analyse und Kritik

Es zeigt sich, dass wir wie zu Erwarten auf die uns regierenden Kräfte nicht hoffen brauchen, diesen Wandel herbei zu führen. Es wird evident, dass nur Bewegungen aus den Bevölkerungen selbst durch breiten, massiven und entschlossenen Widerstand in der Lage sein werden, sich Stück für Stück eine bessere Welt zu erkämpfen. Dazu ist es meines Erachtens nötig, eine Bewegung aufzubauen, die sich solidarisch mit allen Kräften zeigt, die bereit sind diesen Wandel herbeizuführen. So eine Bewegung kommt aber nicht aus dem Nichts, es braucht immer eine anfängliche Kerngruppe, die die Strukturen aufbaut, die Vernetzung bereit stellt und ihre Erfahrungen vermittelt. Hier sind vor allem die erfahrenen Kräfte gefragt, die antikapitalistischen Gruppen, die globalisierungskritischen Netzwerke, das autonome Spektrum, die Antifa und die organisierten Anarchisten. Als die Bewegung hierzulande am 15. Oktober erstarkte und plötzlich Occupy hieß, haben die Aktivist*innen, die größtenteils vorher noch nicht aktiv waren, gedacht, diese oben genannten Strukturen würden sich einfach anschließen und in der Bewegung aufgehen.

Aus vielerlei Gründen geschah dies nicht. Im Folgenden möchte ich darlegen, welche Bedenken auf allen Seiten dazu geführt haben, dass sich keine Solidarisierungseffekte einstellten. Seitens der autonomen Strukturen sah man den legalistischen Ansatz, die Kooperation mit der Polizei, fehlende Antirepressionsstrategien und -Erfahrung als einen Risikofaktor einer möglichen Beteiligung an den Protesten – und blieb fern. Hier wäre es von Vorteil gewesen, diese Erfahrungen an die neuen Aktivst*innen weiterzugeben. Jedoch bestand zu dem frühen Zeitpunkt, Ende 2011 Anfang 2012, in der Bewegung noch eine starke legalistische Einstellung. Verbunden mit der anfangs ausbleibenden Repression führte dies zu einer Entsolidarisierung mit zivilem Ungehorsam und militanten direkten Aktionen und allen Kräften, die dies praktizierten. Behauptet wurde oft, es sei Konsens in der Bewegung, das man so etwas nicht macht. Diesen Konsens hat es nie gegeben. Zudem wusste man anscheinend nicht, dass die Bewegung in den USA von linksradikalen Kräften aufgebaut wurde, auch wenn sie dort auch die ein oder andere missliche Wendung genommen hat.

Occupy vs. Antifa

Am schwierigsten jedoch gestaltete sich das Verhältnis von Occupy zu den verschiedenen Antifa-Gruppen. Die Bewegung war bereits implodiert, es blieben die lokalen Gruppen übrig, die sich zu klassischen politischen Initiativen entwickelt hatten. Man vermutete sich selbst am äußeren linken Rand des politischen Spektrums. Durch den anfänglichen Bewegungscharakter, die thematische Breite und ein falsch verstandenes Idealbild von Basisdemokratie hatten sich jedoch leider auch rechtsoffene Kräfte, Esoterik-Fans, Zeitgeist-Leute, „Reichsbürger“, Anhänger wilder Verschwörungstheorien und Querfrontler eingenistet. Während manche dieser Leute eigentlich harmlos waren und sich trotz etwaiger wirrer Ideen für die richtige Sache einsetzten, gab es auch gefährliche Agitatoren der Querfront, die von einem Zusammenschluss der rechten und linken Kräfte gegen das Establishment räumen, sowie Holocaust-Leugner und Antisemiten. Hinzu kam, dass die Kapitalismuskritik einiger Occupy-Aktivist*innen von Teilen der radikalen Linken als verkürzt und als „strukturell antisemitisch“ betrachtet wurde oder wird. Hauptakteur ist hier das sogenannte „antideutsche“ Spektrum der Antifa und der radikalen Linken. Während Marx‘ und Engels‘ Kritik am Kapitalismus keineswegs abgelehnt wurde, inkorporierten viele auch diverse andere kapitalismuskritische Elemente in ihr Theoriegebäude. Während zu Beginn der Bewegung die Kritik der Krisenpolitik in der Tat verkürzt war und schlicht nur auf die Banken und Finanzpolitik abzielte, so wurde sie schnell ausgeweitet und ausgearbeitet. Außerhalb von Occupy, welches ja auch keine Reichweite mehr hatte, wurde dies nicht zur Kenntnis genommen. Die letzten Presseberichte waren alt, und in denen wurde von „Bankenkritikern“ gesprochen. Auch längst nachdem keine rechten Elemente mehr in den Gruppen geduldet wurden, blieb etwas vom Antisemitismus-Vorwurf hängen. Auch wenn sich die antideutsche Szene von ihren radikalsten Elementen zu distanzieren beginnt – zu nennen wäre hier die Redaktion der Bahamas – und die Leute von Occupy auf jeder Antifa und Antira Demo dabei sind, scheint sich die Kluft nicht schließen zu lassen.

Anarchie oder Blockupy?

Als man innerhalb der Occupy Gruppen merkte, dass die eigene Utopie und die vertretenen Ideale ziemlich genau denen des Anarchismus entsprechen, bekannte man sich nach und nach zu eben diesem Anarchismus. Schließlich war man von Beginn an gegen den repräsentativen Parlamentarismus eingestellt, diese Einstellung hatte nur nie eine große Breitenwirkung oder Öffentlichkeit. Diese Erkenntnis traf zeitlich überein mit dem Erstarken der anarchistischen Bewegung in Deutschland, deren Organisationsgrad von Monat zu Monat wächst. Jedoch fand man auch hier nicht richtig zusammen. Denn das Blockupy-Bündnis schaffte dann neue Probleme. Die Bündnisarbeit mit Parteiorganisationen wie DIE LINKE oder DKP, dem SDS oder der Linksjugend ’solid sowie der Partei-ähnlichen SAV bereitete großen Teilen der anarchistischen Szene Kopfschmerzen, da man die Lehren aus der Geschichte gezogen hatte. Schwierig wurde es dann auch mit anderen Teilen der Antifa-Gruppen, der roten Antifa, mit der man seitens Occupy auch bereit war, antikapitalistischen Widerstand zu organisieren, aber diese Gruppen von den Anarchisten als Stalinisten und somit autoritäre Kommunisten abgestempelt und abgelehnt werden und von der „Anti-D Antifa“ als Antisemiten bezeichnet werden, da sie sich offen mit radikalen Kräften der Palästinenser und Kurden solidarisieren und gegen die Politik Israels stellen. Überhaupt überschattet der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern die gesamte radikale Linke in Deutschland und trägt zur Spaltung der Linken bei. Eine differenzierte Analyse des Konflikts meinerseits würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, jedoch so viel sei gesagt: ich zeige mich vor allem solidarisch mit allen anarchistischen antinationalen Kräften in Israel und in Palästina, die gegen die nationalistische und rassistische Politik des Likud-Blocks und der religiösen Fanatiker der Hamas gleichermaßen kämpfen, da sie die Chance auf Frieden nur ohne Nationen sehen.

Bei all dem half es nicht, dass die Occupy-Gruppen schlecht untereinander vernetzt und überhaupt nicht koordiniert waren, so dass keine Konvergenz hinsichtlich der oben beschriebenen Konflikt-Linien zu Stande kommen konnte. Das große Projekt, antikapitalistischen Widerstand zu vernetzen, zu koordinieren und zu bündeln kann als vorerst gescheitert gelten. Die Schuld daran tragen alle beteiligten Gruppen. Ich denke jedoch, dass sich auf allen Seiten etwas getan hat und man mittlerweile so weit sein sollte, sich zusammenzusetzen und konstruktiv zu überlegen, wo gemeinsame Schnittstellen und Anknüpfungspunkte sein könnten, um die Spaltung zu überwinden. Occupy-Aktivist*innen findet man nun auch im schwarzen Block und in den organisierten Strukturen der Anarchisten, bei Antira-Mahnwachen und auf Antifa-Vorträgen. Gleichzeitig fällt so manchen Antifa-Aktivist*innen auf, dass man mit den verbliebenen Menschen bei Occupy doch reden kann und sie für diverse Aktionen gebrauchen kann.

Repressive Toleranz

Zu guter Letzt war es auch die repressive Toleranz der staatlichen Institutionen und führender Kräfte, die der Bewegung den Wind aus den Segeln nahm. In dem man die populären Positionen der anfänglichen Bewegung herausnahm und sie in Form von „Bankenkritik“ durch die Medien jagte und in jedem Politiker*innen-Interview erwähnte, höhlte man die übrigen Forderungen aus und ließ es vor allem sinnlos erscheinen, sich als Aktivist*in zu engagieren, wenn die Forderungen doch schon längst angekommen waren. So kam es das Occupy zwar Zustimmungsraten von 80% hatte, mehr als jede andere soziale Bewegung vorher, und dennoch auf wenige Hundert Leute herunter schmolz.

Teil 3: Ausblick und Anregung

Gentrifidingsbums

Während die anfangs beschriebene Dystopie Stück für Stück Wirklichkeit wird ist eine starke antikapitalistische und emanzipatorische Bewegung nirgends auszumachen. Ganz so düster sieht es dennoch nicht aus. Das Krisenkapital sucht fieberhaft Anlagemöglichkeiten. Staatsanleihen und Hypothekenpapiere sind out, die spekulativ verwendeten Kapitalmengen und das Fluchtkapital aus dem Süden drängen jetzt in die großen europäischen Metropolen. Diese Immobilienspekulation führt zu Luxussanierungen und „Aufwertung“ ganzer Stadtteile, aus denen dann ärmere Mieter zu Gunsten reicherer Mieter oder Käufer verdrängt werden – die sogenannte Gentrifizierung. Dort wo noch Jobs sind steigen die Mieten in astronomische Höhen, es kommt zu Wohnungsnot. In der Peripherie verrotten derweil ganze Stadtteile, es kommt zu Leerstand. Die Zeitung analyse & kritik bringt es daher in ihrer Ausgabe 585 in dem Artikel Das Kapital walzt durch die Städte auf den Punkt: „Recht auf Stadt Kämpfe um Wohnraum werden zum Kristallisationspunkt für linke Aktivität in Europa“. Die Bündnisse, die sich rund um den Recht auf Stadt Aktionstag gebildet haben sind sehr breit und vielfältig, von der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung bis zur Hausbesetzer-Szene ist alles dabei.

Hier sollte meiner Meinung nach künftiger antikapitalistischer Widerstand und Bewegung ansetzen. Der Kampf gegen Mietenwahnsinn, gegen Verdrängung und gegen Zwangsräumungen ist etwas reales und lebensnahes, die Menschen können die Ungerechtigkeit in ihrem eigenen Leben wahrnehmen und den Sinn des Widerstands nachvollziehen, auch ohne abstrakte Theorien gewälzt zu haben. Mit der kreativen Verwendung von Leerstand und städtischem Raum kann der Sinn zivilen Ungehorsams, militanter Aktionen und Hausbesetzungen verdeutlicht werden. Die Eigentumskritik und die Frage „Wem gehört die Stadt?“ kann so an praktischen Beispielen erlebbar gemacht werden.

Die Bewegung ist tot – es lebe die Bewegung!

Der Versuch einer breiten System-verändernden antikapitalistischen Bewegung ist vorerst im Sande verlaufen. Eines der Resultate war jedoch die Aktivierung und Radikalisierung vormals unorganisierter und passiver Menschen, welches nicht unterschätzt werden sollte. Die einzige Konsequenz jedoch, die wir daraus ziehen sollten ist: die nächste Bewegung wird kommen, das nächste Mal lernen wir aus unseren Fehlern und machen es besser. Die neue Initiative RLF hat dies gut auf den Punkt gebracht in ihrem Artikel Die Bewegung ist tot, es lebe die Bewegung!

Für kommende Bündnisse und Bewegungen müssen wir aber alle über unseren eigenen Schatten springen. Die verbindenden Elemente sollten zur Vernetzung und den Austausch sorgen, während für konflikthaltige Themen das konstruktive Gespräch gesucht werden sollte. Gegenseitiger Respekt und vor allem Unvoreingenommenheit sind von Nöten, will man es noch einmal miteinander versuchen. Dabei muss man nicht einmal den Aktionsformen und dem gesamten Theoriegebäude des jeweils anderen zustimmen: eine Solidarisierung untereinander reicht völlig aus. Auch wenn man selbst nicht bereit ist zu zivilem Ungehorsam aus Angst vor Repression, oder militante Aktionen die Sachbeschädigungen zur Folge haben könnten ablehnt, so sollte man sich dennoch solidarisch erklären, wenn einen das Ziel eint. Eine erfolgreiche Bewegung besteht fast immer aus drei Elementen, die sich untereinander solidarisieren, auch wenn sie die Formen des anderen ablehnen mögen: einer Basisbewegung, einem klandestin arbeitenden militanten Arm und einem Partei-artigen politischen Arm. Diese müssen sich gegenseitig kontrollieren, die Bewegung darf nicht einschlafen oder in die falsche Richtung gehen, die Militanz muss zielgerichtet und sinnvoll bleiben und der politische Arm darf sich nicht von Machtspielen des parlamentarischen Systems einnehmen lassen und die anderen nicht verraten.

Als Anarchist ist es nicht mein Wunsch, meine Utopie allen anderen aufzuzwingen und als das einzig richtige Lebensmodell zu erklären. Vielmehr ist es gerade die Pluralität der Einstellungen, Lebensformen und Aktionsformen, die den Anarchismus ausmacht. Eine gewisse Pluralität müssen wir somit auch auf dem Weg in eine bessere Gesellschaft wünschen oder zumindest akzeptieren.

Wie bereits erwähnt sieht es global betrachtet gar nicht so düster aus, eine gewisse Chance bleibt. Indem die Ungerechtigkeiten offensichtlicher werden, die Krise festgefahrener wird und der Protest dagegen punktuell anschwillt, verliert das Kapital und die Politik zunehmen die Kreativität, die Kontrolle und die Beherrschung. Dissidenz macht verdächtig, Protest ist unerwünscht und Widerstand wird kriminalisiert und brutal niedergeschlagen und gebrochen. Doch hier liegt nämlich die Schwachstelle: die Überreaktionen verdeutlichen nur umso mehr, dass den Herrschenden schon längst die Argumente ausgegangen sind und sie nur noch die Gewalt als Antwort haben. Sie erzeugen aber letztlich nur einen Backlash und Solidarität mit dem Widerstand. Wenn wir uns organisieren und solidarisieren, können wir das Ruder noch rumreißen!

Ich für meinen Teil werde weiter machen! Die Konsequenzen trage ich gern.

circle-a-hi

BannerDie Reclaim Power Tour 2013:

Im Sommer 2013 haben zwei Fahrradkarawanen die verschiedenen Energiekämpfe in Deutschland besucht, vernetzt und gestärkt.
Die Ost-West-Route startete am 21.07. vom Klimacamp in der Lausitz und die Südroute startete Mitte August von Freiburg und Stuttgart.
Zusammenkunft und Ende beider Touren war das Klimacamp im Rheinland (23.08.-01.09.) und das anschließende europäische Reclaim the Fields Camp (28.08-06.09.) mit viertägigen Aktionstagen (30.08.-02.09.).

Auch in Dortmund treffen Soziale Kämpfe und Energiekämpfe aufeinander. Zusammen mit den Gruppen DEW-Kommunal, Attac Dortmund, Greenpeace und BUND wurde nachmittags eine Kundgebung vorm Rathaus Dortmund organisiert. Danach fand eine Critical Mass zum RWE-Tower statt, mit den Teilnehmern der Tour und weiteren Menschen, die sich angeschlossen haben. Der RWE-Tower bot eine gute Gelegenheit für eine tolle Kreideaktion, die unter anderem auch auf diesem Video festgehalten wurde: ReclaimPowerTour Tag 27 – Dortmund: RWE-Aktion, DEW Kommunal, Rathausplatz-Veranstaltung.

Das Abendessen wurde von Occupy Dortmund’s veganer Volxküche zur Verfügung gestellt, wofür eigens ein großer Tisch im Dortmunder Westpark aufgebaut wurde. Die Occupy Aktivist*innen kochten einen leckeren Gemüseeintopf mit würziger Erdnuss-Soße, veganes Chili und unser Pilaw Reisgericht, dazu gebratene Sojamedaillons. Außerdem gab es veganes Zwiebelmett auf Fladenbrot, sowie dank großzügiger Spende des Vegan Wonderland diverse vegane Wurstaufstriche.  Nach anschließender lockerer Diskussion bei schönem Wetter im Westpark radelten die Teilnehmer*innen der Tour zu ihrem Nachtlager.

A2PlakatReclaim-PowerDruckso gerade ebenalso thisthis

17.09.2013: Die Aktivistinnen und Aktivisten des Occupy-Kollektivs in Dortmund beginnen, ein Treffen für sozialen Erfahrungsaustausch, gegenseitige Hilfeleistung & Beratung und Hilfe zur Selbstorganisation zu organisieren. Jede und jeder, der gerne mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen uns zu unterstützen!

Warum dies wichtig ist: Täglich wird die Menschenwürde mit den Füßen getreten. Zeitarbeiter*innen, Leiharbeiter*innen, Erwerbslose, Alleinerziehende, Rentner*innen, Mini-Jobber*innen, „Generation Praktikum“: Wo man hinsieht, werden Menschen zu Arbeit genötigt, schlecht oder gar nicht bezahlt. Denen, die gar keine Arbeit finden oder krank geworden sind, wird noch schlimmer zugesetzt: Überwachung, Schikane, Nötigung und Sanktionierung kennzeichnen das „System Hartz IV“. Wer sich dagegen wehrt, wird oft noch härter sanktioniert. In der Gesellschaft macht sich Sozialchauvinismus und Sozialrassismus breit. Viele Menschen vergessen, dass sie mit dem Recht auf ein menschenwürdiges Leben, auf Wohnraum und auf gesellschaftliche Teilhabe auf die Welt gekommen sind, und nichts, aber auch wirklich gar nichts, kann uns diese Rechte nehmen!

Es ist an der Zeit, sich zu organisieren und diesen Missständen entschlossen entgegen zu treten! Wenn wir uns zusammen tun, unsere Erfahrungen austauschen und uns untereinander solidarisch zeigen, können wir einiges erreichen!

Zum Beispiel sollte niemand alleine zum Amt müssen! Wenn wir uns gegenseitig zu Terminen begleiten, wird dem Missbrauch ein Riegel vorgeschoben, da so immer Zeug*innen da sind, die Ungerechtigkeiten kommentieren und dokumentieren können.

Gemeinsam können wir überlegen, was zu tun ist bei Mietpreiserhöhungen, ungewöhnlichen Nebenkostenabrechnungen, Stromsperren oder Gas-Absperrungen. Wir können uns zusammenschließen, um Zwangsräumungen zu verhindern!

So werden wir Vorträge anbieten zu den Themen Sozialrecht, Mietrecht, Solidarökonomie, uvm. Nicht nur wenn uns Anwält*innen, Sozialrechtsexpert*innen und Sozialarbeiter*innen unterstützen, können wir uns gegenseitig helfen. Schon der Austausch der Erfahrungen mit Ämtern, Behörden, Unternehmen, aber auch praktische Lebenshilfe, kann uns viel bringen! Das Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht, der Ausgrenzung überwinden, sich selbst aktivieren, Teil zu haben und zu organisieren.

Wir wollen zudem im Anschluss gemeinsam kochen, zum Beispiel einige der veganen Rezepte aus unserer Volxküche!

Unser Gib und Nimm Tisch wird ebenfalls aufgebaut werden, an welchem nicht mehr benötigte Sachen abgegeben oder interessante Sachen mitgenommen werden können.

Wer also Interesse hat, uns hierbei zu unterstützen und zu begleiten, wer relevante Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten hat, schreibe bitte an occupy-dortmund[at]riseup.net

soli