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Leben im Neoliberalismus

Veröffentlicht: 28. Juni 2015 in Anarchie, Einfach so
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Das Mädchen im Park

„Freiheit als Unterwerfung“ – mit seinem Buchtitel bringt Patrick Schreiner die vielen Paradoxien des Neoliberalismus auf den Punkt. Anhand verschiedener Lebensbereiche analysiert er, wie diese Ideologie in unseren Alltag hineinwirkt und welche Konsequenzen sie hat. Überraschend sind seine konkreten Beobachtungen zwar nicht, schließlich erleben auch wir sie jeden Tag und am eigenen Leib. Und doch ist es erschreckend, wie omnipräsent und mächtig die vermeintliche Erfolgsgeschichte vom freien Markt bereits geworden ist.

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Der Kampf um ein soziales Zentrum – Die Freiraumtage Dortmund

Aus einer ersten Besetzung im August 2014 entstand „Avanti“, die Bewegung für ein soziales Zentrum im Dortmunder Norden. Mit einer turbulenten Aktionswoche machte sie nun wieder von sich reden – und äußerte dabei ganz konkrete Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Ich war als Aktivist vor Ort und schildere nachfolgend meine Eindrücke. (Dieser Artikel erschien zuerst in der Juni-Ausgabe der Contraste – Monatszeitung für Selbstorganisation)

Infopoint

Den zentralen Anlaufpunkt während der Freiraumtage bildete der Infopoint im Nordpol

Im Winter war es still geworden um die Avanti-Bewegung in Dortmund. Doch der Wunsch nach unkommerziellen und selbstverwalteten Räumen für die Menschen in der Nordstadt sollte wieder auf die Tagesordnung rücken – schließlich war er noch lange nicht erfüllt. Im April luden die Aktivist*innen daher gleich zu einer ganzen Aktionswoche ein: Vorträge, Workshops, Kunst und Kultur standen auf dem Programm. Und auch direkte Aktionen ließen nicht lange auf sich warten.

Bereits vorab gab es eine starke Vernetzung mit Freiraum-Gruppen und autonomen Zentren in ganz NRW, um die Kampagne bekannt zu machen. Und auch in der Stadt selbst war es kaum möglich, den vielen knallroten Aufklebern und Plakaten mit dem Logo der Freiraumtage zu entkommen. So kamen an den sieben Tagen rund 200 Menschen in die Dortmunder Nordstadt, um die Freiraumtage mitzuerleben.

Zur inhaltlichen Vorbereitung gab es gleich zu Beginn Workshops und Vorträge. So fragt die Rote Hilfe “Was tun wenn’s brennt?” und gab rechtliche Ratschläge für Hausbesetzer*innen, die in Konflikt mit Polizei und Staatsanwaltschaft geraten. Auch die beiden Workshops „Sanitär*innen“ und „Einführung in den sicheren Umgang mit Computern und Handys“ sollten den Aktivist*innen das nötige Handwerkszeug vermitteln und Sicherheit schaffen.

Konzerte, Parties und Küche für Alle gaben gleichzeitig viel Raum für Kunst und Kultur – ein Thema, das seit dem Beginn der Avanti-Bewegung eine wichtige Rolle spielt. Die Veranstaltungen führten die Aktivist*innen in bereits existierende kulturelle Freiräume der Stadt, vor allem in die selbstverwaltete und selbstorganisierte Kneipe „Nordpol“ und das soziokulturelle Zentrum „Langer August“.

Nicht ganz unerwartet kam es im Zuge der Freiraumtage zu mehreren Besetzungen durch Unterstützer*innen der Avanti-Bewegung. Bereits einige Tage zuvor fand nach einem Soli-Dinner eine Besetzung eines seit vielen Jahren leerstehenden Gartencenters statt. Die Verhandlungen mit dem Eigentümer endeten allerdings in einer nächtlichen Räumung des Gebäudes. Die Aktivist*innen entzogen sich rechtzeitig dem Zugriff der Polizei, die mit Hilfe der Feuerwehr das leere Haus durchsuchte. Eine ähnliche Erfahrung machten die Beamten, als sie ein Transparent an einem seit vielen Jahren leerstehenden maroden Hochhaus entdeckten. Sie durchsuchten alle 17 Etagen ohne etwas anderes zu finden als Staub und Müll.

Im Anschluss an eine Kunstaustellung in einem leerstehenden Haus gelang es der Polizei, eine Gruppe von Menschen einzukesseln, die am Dortmund-Ems-Kanal grillten, und ihre Personalien aufzunehmen. Diese kompromisslose Linie zog sich durch die gesamte Aktionswoche. Mit einem immensen Aufgebot patrouillierte die Polizei 24 Stunden am Tag durch die Nordstadt, schleuste Spitzel oder Zivilpolizist*innen in Veranstaltungen und versuchte teils erfolgreich, Veranstaltungen in leerstehenden Häusern zu unterbinden, indem sie die sozialen Medien nach Hinweisen auf Veranstaltungsorte durchforstete.

Wie die Aktivist*innen herausfanden, ist die gesamte Nordstadt als eine „kriminogene Zone“ eingestuft, in der sich die Polizei das Recht auf anlasslose Durchsuchungen und Personalienkontrolle einräumt, von denen sie in der Aktionswoche massiven Gebrauch machte. Dieses Vorgehen widerspricht zwar dem Grundgesetz, ist aber spätestens durch die „Gefahrengebiete“ in Hamburg bekannt, wie auch dank „kriminalitätsbelasteter Orte“ in Berlin und die „Angsträume“ im Wuppertaler Norden. So machte vorauseilende Repression auch die Leerstands-Schnitzeljagd am Freitagabend für manche Aktivist*innen zu einer schlechten Erfahrung. Als kurz darauf die Besetzung eines leerstehenden Supermarkts öffentlich wurde, war dieser schnell abgeriegelt. Die Menschen, die außerhalb des Geländes den Besetzer*innen spontan ihre Solidarität zeigen wollten, bekamen statt einer „Genehmigung“ das volle Programm aus Polizeikessel, Personalienkontrolle und der Androhung von Anzeigen wegen „Landfriedensbruch“ bis „Sachbeschädigung“.

Der Stimmung tat dies keinen Abbruch, immer mehr Menschen fanden ihren Weg zum besetzten Supermarkt und bekundeten laut und kämpferisch ihre Solidarität. Als die Besetzung schließlich gegen Mitternacht geräumt wurde und die beteiligten Menschen zwecks erkennungsdienstlicher Behandlung in die Gefangenensammelstelle gebracht wurden, zogen spontan über 60 Demonstrant*innenn quer durch Dortmund zum Polizeipräsidium.

Eine bunte und laute Freiraumparade mit 150 bis 200 Menschen griff diese Repression gegen Menschen thematisch auf und zog a m nächsten Tag vorbei an Freiräumen – und solchen die es hätten werden können – durch die Nordstadt. Viele Bewohner*innen öffneten ihre Fenster oder gingen auf den Bürgersteig, um mit Klatschen und „Daumen hoch“ ihre Begeisterung und Solidarität auszudrücken.

Die Freiraumtage mündeten nicht in der Erkämpfung eines sozialen Zentrums. Nichts desto trotz zogen die Avanti-Aktivist*innen ein positives Fazit aus ihrer Kampagne: Die rege Teilnahme zeigte, wie wichtig und aktuell der Kampf für alternative Freiräume und soziale Zentren ist. Alle teilnehmenden Aktivist*innen können dank viel Vernetzung und Austausch gestärkt in die kommenden Aktionen gehen. Die Gefahr der Repression schien jedoch viele Menschen abzuschrecken, in die leerstehenden Häuser zu gehen. Zudem kamen überwiegend Menschen aus der linkslibertären Szene zusammen, obwohl die vielen kreativen und kulturellen Programmpunkte auch andere Interessierte ansprechen sollten. Der Raum für Anregungen und Wünsche wurde am Ende der Aktionswoche ausgiebig genutzt.

Der Kampf um Freiräume in der Nordstadt sollte nicht nur für, sondern auch mit den dort lebenden Menschen geschehen. So könnten zukünftige Aktionswochen den Fokus auf soziale und Stadtteilarbeit legen und sich stärker mit migrantisch geprägten Gruppen und Initiativen vernetzen. Auch wenn Besetzungen von Leerstand bisher nicht zu einem sozialen Zentrum geführt haben, sollen diese weiterhin als legitimes Mittel dienen, auf die Misstände hinzuweisen und Druck auszuüben, so dass die Bewegung ohne ein soziales Zentrum unbequemer ist als mit einem sozialen Zentrum.

Hintergrundinfo:

Wie entstand die Avanti – Bewegung?

„Dieses Haus ist besetzt!“ verkündet eine Gruppe von Aktivist*innen in der Dortmunder Nordstadt am 22. August 2014. Das besetzte Gebäude ist eine entweihte Kirche, die seit sieben Jahren leer steht. Sofort zieht die Besetzung die Aufmerksamkeit sowohl der Polizei als auch der stadtbekannten militanten Neonazi-Szene auf sich. Deren Angriffe können die Besetzer*innen jedoch abwehren und auch eine Räumung ist vorerst unwahrscheinlich: Der zuständige Pfarrer duldet die Besetzung. So kann das soziale Zentrum Avanti am nächsten Tag zum ersten Mal seine Türen öffnen.
Aktivist*innen, Künstler*innen und Neugierige aus dem ganzen Ruhrgebiet strömen in kürzester Zeit in das neue soziale Zentrum und schaffen sich in reiner Selbstorganisation einen hierarchiefreien sozialen und kulturellen Freiraum. Sieben Arbeitsgruppen organisieren sich über Aushangwände und improvisierte Briefkästen. Die Toiletten werden benutzbar gemacht, Dornengestrüpp entfernt, die Dachrinne wird repariert, ein Umsonstladen wird eingerichtet und ein Kulturprogramm auf die Beine gestellt. Das morgendliche Plenum trägt die Ergebnisse zusammen, während bei der allabendlichen Vollversammlungdie Kulturschaffende, die Nachbarschaft und die Aktivist*innen einen Raum haben für Wünsche und Anregungen, aber auch für Sorgen und Probleme.
Trotz der Duldung räumt nach nur sieben Tagen eine Hundertschaft unter einem Vorwand die besetzte Kirche und geht dabei mit willkürlicher Repression vor. Doch die kollektive Erfahrung in Selbstorganisation und das große Interesse der Bevölkerung an dem Projekt bewegt eine große Gruppe von Menschen dazu, den Kampf um das soziale Zentrum Avanti in der Dortmunder Nordstadt fortzuführen.
In ihrer ersten Erklärung artikulieren die Besetzer*innen ihre Fundamentalopposition gegenüber der Eigentumslogik des kapitalistischen Systems und der neoliberalen Ideologie der Verwertung aller Lebensbereiche. Konkret bezieht sich die Kritik auf den Umgang mit der Nordstadt und den dort lebenden Menschen. Doch die Bewegung für ein soziales Zentrum beißt sich in genau jenem Viertel bisher an den Verantwortlichen der Stadt die Zähne aus. Auch die Besetzung einer weiteren Kirche wenige Monate später wird schnell geräumt und die Verhandlungen verlaufen im Sande.

Hintergrundinfo:

Die Dortmunder Nordstadt

Die Dortmunder Nordstadt wurde im Zuge der so genannten industriellen Revolution bewusst außerhalb des Walls gebaut, welcher die Stadt damals umschloss, in direkter Nähe zu den neu entstandenen Fabrik-Komplexen. Sie sollten im Laufe der Jahrzente vielen Gastarbeiter*innen als Schlafstätte dienen, erst bäuerlichen Westfalen und Hessen, dann polnischen und später dann italienischen und türkischen Gastarbeiter*innen. In jedem Zimmer gab es mehrere Matratzen, und jede Matratze wurde dreimal vermietet, angepasst an das Drei-Schichten-System der Fabriken.
Wie der Geschichtswissenschaftler Bastian Pütter in seinen Vorträgen darlegt, schlug den dort lebenden Menschen schon immer ein sozialrassistisch und klassistisch motivierter Hass aus der bürgerlichen Innenstadt entgegen, vor allem von Seiten der Presse und der Politik. Auch heutzutage taucht die Nordstadt in der überregionalen Presse nur auf, wenn das Boulevard reißerische Artikel über Drogenhandel und Zwangsprostition benötigt.
Doch werden die Menschen mit den tatsächlich existierenden sozialen Problemen allein gelassen. Die Armut, die Aussichtslosigkeit und Perspektivlosigkeit der Bewohner*innen werden als ordnungspolitisches Problem wahrgenommen, die Antwort ist rassistische Schikane und Polizeigewalt. Gleichzeitig gibt es viel strategischen oder spekulativen Leerstand, sowie verwahrloste Gelände mit unklaren Eigentümer*innen. Die Menschen in der Nordstadt sind der Willkür der Immobilenfirmen und der Eigentumsinteressen ausgeliefert.

Weitere Infos: avantizentrum.noblogs.org

losgehts

Den nachfolgenden Workshop hielt ich auf dem Los Geht’s 2015, einem zweijährig stattfindenden Informations-, Vernetzungs- und Gründungstreffen des Kommuja Netzwerks politischer Kommunen. Als gastgebender Veranstaltungsort diente dieses Jahr die Kommune Olgashof in Nordwest-Mecklenburg, wo sich 250 Interessierte und 50 Unterstützer*innen einfanden, um sich zu treffen, Projekte zu finden oder selbst Kommunen zu gründen. Circa 18 Teilnehmer*innen fanden sich am Samstag  für den 1,5-stündigen freien Workshop „Kommune und Anarchismus“ ein.

Ich selbst bin angehender Kommunarde in einer politischen Kommune des Kommuja-Netzwerks, der Villa Locomuna, sowie organisierter Anarchist. Der folgende Workshop soll nicht nur auf die Gemeinsamkeiten der beiden Themenfelder hinweisen, sondern auch mögliche Schnittstellen erarbeiten, Hemmungen abbauen und Bewusstsein schaffen. Mich führte die Beschäftigung mit dem Thema Anarchismus und die Praxis in anarchischen und explizit anarchistischen Gruppen zu der Konsequenz, auch mein Wohn- und Lebensverhältnis nach diesen Idealen zu gestalten. Wie auch mein Veganismus, Verzicht auf Flugreisen und eine Orientierung an nachhaltigem, ökologischem, regionalem und saisonalem Konsum, ist dies Ausdruck eines Versuchs, die Utopie bereits im Hier und Jetzt zu leben. Die Elemente der Utopie, die bereits jetzt unter zumutbaren und realistischen Anforderungen umzusetzen sind, setze ich auch gerne um. Dies hat vielerlei Gründe, unter anderem den Beweis der Machbarkeit, die Vermeidung des Vorwurfs der Heuchelei, aber auch des Gewinns an Lebensqualität, das Sammeln praktischer Erfahrungen und wichtiger Kompetenzen und nicht zuletzt Gewinnung wichtiger Rückschlüsse auf die Theorie und Utopie.

Über ein Brainstorming wurde das Vorwissen der Teilnehmer*innen abgefragt und die Kernelemente der beiden Themen gesammelt. Auf dem Los Geht’s erfahren die Teilnehmer*innen in vier Basisworkshops wissenswertes zu den vier Themenschwerpunkten Konsens, Kommune & Politik, Gemeinsame Öknomomie sowie Kommunikation & Soziales. Überraschenderweise waren auch die Antworten zum Begriff Anarchismus sehr ergiebig, wobei in der nachfolgenden Übersicht die ersten fünf Begriffe zum Thema Anarchismus bereits angeschrieben waren nach Nennung enthüllt wurden.

Brainstorming: Was fällt Euch zum Thema „politische Kommune“ ein? Brainstorming: Was fällt Euch zum Thema „Anarchismus ein?
Gemeinsame Ökonomie Hierarchiefreiheit
Entscheidungsfindung Konsens
Bandenbildung Selbstorganisation
Herrschaftskritik Solidarische Ökonomie
Hierarchiekritik Herrschaftsfreiheit
Subsistenz Keine Gewalt gegen Menschen und Tiere
Solidarität Bezugsgruppen
Feminismus Anarchosyndikalismus
Kommunikationsformen Kritische Auseinandersetzung mit „Arbeit“
Konsens Emanzipation
Vorbildfunktion Kapitalismuskritik
Aktivismus & Widerstand Keine Grenzen
Privilegien Toleranz
Solidarität vs. Autonomie [Chaos, Gewalt, Schwarzer Block]
Kritik an Eigentum und Besitz Antiparlamentarismus
Selbstorganisation Antinationalismus
Direkte Aktion
Anarchafeminismus
Punks

Die Nennungen, die bei beiden Brainstorming-Runden aufkamen wurden durch Unterstreichung hervorgehoben und zeigen deutlich die wichtigen Überschneidungspunkte der Ideen der Kommune-Bewegung und des Anarchismus. Nennungen in eckigen Klammern stellen Vorurteile dar, die ewartungsgemäß bei solchen Fragestellungen genannt werden. In diesem Fall war das Vorwissen der Teilnehmer*innen so groß, dass dies nicht der Fall war. Doch trotz allem ist nicht jeder und jedem klar, warum genau diese Begriffe wie Chaos und Gewalt nichts mit Anarchismus und erst Recht nicht mit Anarchie zu tun haben. Damit alle auf dem selben Nenner sind, was die Verwendung dieser Begriffe angeht, wurden der nachfolgenden Folie die Begriffsdefinitionen des Vortragenden in gebotener Kürze vorgestellt:

Anarchie– … ist Ordnung ohne Herrschaft- aus dem griechischen an archia = ohne Herrschaft

– Gesellschaftsordnung bzw. Utopie, basierend auf Werten wie Freiheit, Kooperation, Autonomie, Herrschaftslosigkeit, uvm.

DAS ZIEL

anarchisch– ohne Gesetze und ohne Justizsystem, stattdessen selbstbestimme Regeln auf freiwilliger Basis- ohne Herrschaft, ohne Hierarchie, nicht durch Zwang durchgesetzt

– Konsensual

→ z.b. (zumindest teilweise) Kommunen

Anarchismus– Weltanschauung(en), die versucht,1. Herrschaftsstrukturen zu identifizieren

2. sie auf ihre Legitimität zu überprüfen und

3. illegitime Herrschaftsstrukturen abzubauen

– Gerichtet gegen autoritäre Konstrukte wie Staat, Nationalismus, Kapitalismus, Patriarchat, autoritäre Religionen, Faschismus, Rassismus, ..

DER WEG

anarchistisch– Praxis von politischen Gruppen, die explizit Anarchismus als Weltanschauung haben und die Anarchie erreichen wollen- für freiheitliche Ideale kämpfend, agitierend oder bildend

→ vereinzelt auch anarchistische Kommunen (wie zum Beispiel zum großen Teil der Lossehof in Kassel)

Als Kernthese stellte ich die Behauptung auf, dass gemäß der oben stehenden Definitionen wundersamerweise die meisten Kommunen des Kommuja-Netzwerks in ihren Grundzügen anarchisch sind, jedoch die wenigsten explizit anarchistisch. Für beide Bewegungen kann dies wichtige Rückschlüsse bieten. Für die Kommune-Bewegung könnte die bereits jetzt gelebte Utopie einer ihr selbst wenig bekannten Utopie mehr inhaltliche Tiefe und breite Aufstellung bieten. Der anarchistischen Bewegung könnten durchaus viel mehr anarchische Projekte gewahr werden, sowie generell die Tatsache, dass ihre Ideen und Theorien bereits in Teilen gelebte Praxis sind, ohne jedoch dabei eine Rolle gespielt zu haben und ohne eine starke Vernetzung und Austausch zu realisieren. Denn es ist auf jeden Fall festzustellen, dass trotz aller gemeinsamen Überzeugungen und Praktiken, es nicht nur keine Vernetzung und keinen Austausch, sondern nicht einmal ein gegenseitiges Gewahrwerden stattfindet. Im zweiten Teil des Workshops sollen diese Aspekte durch eine moderierte Diskussion anhand von drei Diskussionsfragen näher beleuchtet werden.

Vorab sollte aber nicht nur geklärt werden was Anarchismus ist, sondern auch was es nicht ist. Dies konnte anhand der vormals genannten Begriffe „Chaos, Gewalt und Schwarzer Block“ erläutert werden:

Anarchie ist nicht Chaos

denn Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft. Das bedeutet, dass auch in der Anarchie Regeln gelten, aber selbst gewählte Regeln in freier Vereinbarung unter Gleichen, an Stelle von starren Gesetzen, durchgesetzt mit Zwang.

Die Bestandteile Selbstorganisation und Autonomie zeigen auch heute schon, dass Anarchie nicht chaotisch ist, als Beispiel wurde hier verwiesen auf die Praxis in der Kommune Villa Locomuna, in Form von Patenschaften für alle regelmäßig anfallenden Aufgaben, den Kochplan, das Plenum der Wirtschaftsgemeinschaft, inklusive Zeitökonomie, uvm.

Anarchismus ist nicht Gewalt

denn es gilt im Anarchismus dass zu jeder Zeit die Anwesenheit des Ziels in den Mitteln gewahrt bleiben soll. Des Weiteren ist spätestens seit dem Widerstand von Anarchist*innen gegen den ersten Weltkrieg der Antimilitarismus ein wichtiges Element von Anarchismus.

Jedoch gilt für viele Anarchist*innen auch, dass Selbstverteidung und Notwehr legitim sind, genauso wie Widerstand gegen Unterdrückung, wenn friedliche Mitteln versagen. Zu guter Letzt gibt es auch die Strömung Anarchopazifismus, symbolisiert durch die schwarz-weiße Fahne.

Der Schwarze Block“ ist nicht Anarchismus

denn der sogenannte Schwarze Block ist lediglich eine Demonstrationstaktik diverser Gruppen und Bewegungen (links wie rechts), mit den Zielen:

– Schutz des Individuums vor Repression

– Schutz von direkten und militanten Aktionen

Aber oft ist komplett schwarze Kleidung, teilweise auch Vermummung, „normales Auftreten“ vieler Anarchist*innen auf Demos u.ä., teils aufgrund eines „autonomen Habitus“ oder schlichtweg „Szene-Mode“. Des Weiteren dient dies auch der Abgrenzung vom Bürgertum und dem Ausdruck der Ablehnung desselben. Dadurch steht sich die Bewegung jedoch auch beizeiten selbst im Weg einer Verbreitung und Vergrößerung, stattdessen verbleibt sie klassisch in der jugendlich-linkslibertären Szene. Hier operiert die Bewegung jedoch auch in einem Spannungsfeld von Kompromisslosigkeit versus Dialogbereitschaft. Die konsequente Kompromisslosigkeit ist wichtig, um die eigenen Ideale nicht verwässert zu sehen, sollte aber nicht zu einer fehlenden Dialogbereitschaft mit anderen gesellschaftlichen Akteuren führen.

Die Verknüpfung der beiden Themenfelder Kommune und Anarchismus sollte in der zweiten Hälfte druch eine moderierte Diskussion erzielt werden. Die Teilnehmer*innen nutzten trotz fallenden Temperaturen im Schatten und aufkommenden Windes die verbleibenden 45 Minuten sehr rege. Die Schwerpunktfrage war:

1. Was könnte die Kommune-Bewegung aus der Beschäftigung mit dem Anarchismus für die Kommune-Praxis mitnhemen? Wo seht ihr mögliche Anknüpfungspunkte?

Die Teilnehmer*innen identifizierten einige Aspekte sowohl für die externe als auch die interne Kommune-Praxis, die mit der Beschäftigung mit Anarchismus einfließen könnten. Auf der Ebene der externen Praxis zum Beispiel einen Ausbau der politischen Praxis und der Gesellschaftsveränderung, sowie eine kohärentere Utopie und politische Wirkung. Die meisten Aspekte die genannt wurden zielten aber eher auf die interne Praxis der Kommune-Bewegung. Auch wenn die meisten Kommunen herrschaftskritisch und hierarchiekritisch sind und ihre Strukturen dieses auch versuchen zu vermeiden, könnte ein konsequenter Anarchismus auch helfen, sogenannte informalle Hierarchien abzubauen sowie Herrschaftsfreiheit konsequenter zu leben. Es wurden auch strukturelle Hierarchien auf die Gesamtgesellschaft identifiziert, die abzubauen wären. Diese wurden durch weitere Wortbeiträge ausdifferenziert in den Wunsch nach dem Abbau von Zugangsbarrieren sowie der Reflexion der eigenen Privilegien und dem Teilen derselben.

So bietet das Konzept der Critical Whiteness, des kritischen Weißseins, Anhaltspunkte für den Umgang mit den eigenen rassistischen Privilegien, die auch für die Kommune-Bewegung von großem Belang sein können. Denn ein weiterer Teilnehmer und Mitkommunarde identizifierte die Kommune-Bewegung als „elitären Haufen“ – Bildungsniveau, Herkunft und Einkommen sind relativ homogen und quasi-elitär. Jedoch sind eben diese Orte auch Schutzräume, vor den Unsicherheiten des kapitalistischen Systems wie dem Wohnungsmarkt, und sie sind Orte der (Selbst-)ermächtigung, denn Aktivismus in Hineinwirken in die Gesellschaft werden erst ermöglicht durch die eigene Absicherung und Lebensqualität, physisch ebenso wie sozial. Letztlich kann jedoch festgehalten werden, dass sowohl die Ideen der Kommune-Bewegung als auch des Anarchismus den Anspruch der Allgemeingültigkeit und Massentauglichkeit haben. Zwar kann eine „Reinheit“ und vollständige Umsetzung der Utopie im herrschenden System sicher nicht erreicht werden, aber die Öffnung für eine breitere und diversere Öffentlichkeit würde auch diese Tauglichkeit auf die notwendige Probe stellen und Rückschlüsse für beide Bewegungen und Utopien bieten. Zudem muss die Öffnung nicht zwangsläufig Hindernis sondern bedeuten, sondern eher als Bereicherung wahrgenommen werden, sei es durch Menschen mit Behinderungen, Menschen aus anderen Kulturkreisen wie z.B. Geflüchtete, oder Menschen, die aufgrund ihres Genders diskrimiert werden.

Ich selbst markierte auf der Brainstorming-Folie noch einige Nennungen, von denen ich finde dass sie für die jeweils andere Bewegung eine Betrachtung wert sind, diese sind in oben stehender Taballe durch Fettschrift hervorgehoben.

2. Warum sind viele anarchisch strukturierte Projekte nicht mit den Ideen des Anarchismus vertraut?

Die Gründe hierfür verordneteten die Teilnehmer*innen größtenteils an zwei verschiedenen Orten: dem propagierten Bild von Außen und geschichtlichen oder strategischen Faktoren innerhalb der Bewegung. So war die allererste Assoziation das schlechte Bild, welches durch sowohl bürgerliche Mainstream-Presse als auch alteingessese linke Medien verbreitet wird, quasi ein Angriff von zwei Seiten. So ist es aber auch der Sprachgebrauch, die die Ideen fortwährend im falschen Licht darstellt, wie zum Beispiel bei der Berichterstattung aus Krisengebieten, mit der Aussage dass dort „die Anarchie herrsche“, eine auf gleich mehreren Ebenen irreführende Aussage.

Doch auch die Bewegung selbst hat dies in Teilen selbst verschuldet. So ist es nicht nur die – eigentlich recht kurze und unbedeutende Phase – der „Propaganda der Tat“ (einer blutigen Epoche von Bombenattentaten auf staatliche Repräsentant*innen durch anarchistische Attentäter*innen in Frankreich, nach der Zerschlagung der Pariser Kommune) sondern auch schlichtere Dinge wie mangelnde Jugendarbeit, warf ein Teilnehmer ein. Ein weiteres Problem stellt die Gefahr der Schaffung von Insellösungen dar, das Bilden kleiner anarchischer Kreise und Projekte und ein „Wohlfühlaktivismus“ bieten die Gefahr einer reduzierten Außenwirkung und selektiver Wahrnehmung.

Die momenane Schwäche der Idee im deutschsprachigen Raum ist auch eben genau dies: Ein regionales Problem des deutschsprachigen Raumes, in vielen anderen Ländern gibt es große, selbstbewusste und explizite anarchistische Bewegungen, wie zum Beispiel in Spanien oder Griechenland.

3. Aus welchen Zusammenhängen kommt ihr, und hat sich euer Bild von „Anarchismus“ oder von „Kommune“ jetzt in einer Form verändert?

Die Teilnehmer*innen setzten sich größtenteils aus Menschen zusammen, die noch wenig Erfahrung mit der Kommune-Bewegung hatten, viele wohnen jedoch in WGs, Hausprojekten oder Gründungsgruppen, die noch ganz am Anfang stehen. Sie fühlten sich durchweg als herrschaftskritisch und anarchistisch, ohne jedoch eigenen Aussagen nach sich umfassend mit der Theorie beschäftigt zu haben. Nur wenige Teilnehmer*innen veränderten ihr Bild von Anarchismus und/oder von Kommune, da die meisten auf beide Themen schon sehr realitätsnahe Konzepte besaßen. Das Feedback zum Workshop viel durchweg positiv aus, viele freuten sich dass ihnen der Begriff Anarchismus auf dem Los Geht’s begegnete und möchten die Verbindung der beiden Themen nun auch in ihr eigenes Umfeld hineintragen. So gut wie alle ausliegenden Broschüren, wie die Einführungsbroschüre des A-Netz SüdWest, eine Ausgabe der Gai Dao oder das Manifest Alles Verändern wurden mitgenommen.

Mehr Infos:

In den letzten Jahren in diversen Regionen im deutschsprachigen Raum starke Vernetzung und Organisierung hingewiesen, sowie die Neuentstehung vieler Lokalgruppen. Die Vernetzung und Föderierung stärkt auch die noch junge Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen, welche wiederum ermöglicht, dass die Idee weitere Verbreitung im Gebiet erzielt. Wer tiefer in die Marterie des Anarchismus oder der Kommune-Bewegung eintauchen möchte, kann sich an den unten verlinkten Medien orientieren:

Anarchismus

Stowasser, Horst: Anarchie! (z.B. in einer Uni-Bibliothek) oder in einer früheren Version downloadbar als Freiheit Pur! (PDF)

Gai Dao – Monatszeitung der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen

graswurzelrevolution – anarchistische Monatszeitung

fda-ifa.org – Homepage der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA)

Alles verändern! Ein anarchistischer Aufruf. Von Crimethinc

Anarchismus – Eine Einführung. Vom Anarchistischen Netzwerk SüdWest

anarchopedia.org

anarchismus.at

Keine Angst vor Anarchismus! Via Das Mädchen im Park

Kommune:

losgehts.eu

Villa Locomuna

Kommune Niederkaufungen

Das Mädchen im Park

Die Hungersnot und ich

Veröffentlicht: 22. März 2015 in Einfach so

Das Mädchen im Park

Zahlen und Fakten gibt es genug: 870 Millionen Menschen auf der Welt hungern. Das ist ungefähr jede*r achte. Alle drei Sekunden stirbt ein Mensch an den Folgen von Hunger und Unterernährung. Das sind 8,8 Millionen Menschen pro Jahr. Neu ist das nicht. Im Gegenteil: Wir haben uns an diesen Zustand gewöhnt, wir kennen es nicht mehr anders. Klar, es ist ein Skandal, aber er ist so weit weg, zumindest gefühlt. Was hat es schon mit mir und meinem Alltag zu tun, wenn am anderen Ende der Welt eine Hungernot ausbricht?

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Hiermit erkläre ich mich solidarisch mit den Aktionen zivilen Ungehorsams sowie den militanten Aktionen gegen Staat und Kapital im Rahmen der antikapitalistischen Proteste in Frankfurt am Main vom 18. März 2015. Warum ich das wichtig finde, zeigen die folgenden fünf Stichpunkte:

Scheiben klirren und ihr schreit, Menschen sterben und ihr schweigt

Im gutbürgerlichen Deutschland ist rechts und links die Empörung groß: So genannte „Krawallmacher“ haben es tatsächlich gewagt, nicht nur brav im Kreis zu laufen, sondern -haltet euch fest- Autos anzuzünden. Ja, richtig gehört, Autos! Schon höre ich die Rufe nach Knast oder Arbeitslager…es hätten ja schließlich eure Autos sein können! Aber ich kann alle beruhigen, es waren sieben Polizeiautos. Es blieben somit am 18. März in Frankfurt am Main nur noch geschätzt knapp 2000 weitere Polizeiautos übrig, um den deutschen Polizeistaat aufrechtzuerhalten. Jedenfalls merke ich, dass ich in Deutschland bin, wenn Autos mehr zählen als Menschenleben im europäischen sowie im globalen Süden.

Sofort wird sich seitens des staatstragenden und parteidurchsetzten Blockupy-Bündnisses von den Aktivist*innen distanziert und sich öffentlich entsolidarisiert, womit das Bündnis den letzten Rückhalt in der Bewegung verloren haben dürfte. Aber nicht nur Blockupy entsolidarisiert sich, auch die Aktivist*innen der ehemaligen Occupy-Bewegung entsolidarisieren sich. Schnell bemühen sich vormals revolutionäre Aktivist*innen, autoritäre Deutungsmuster zu übernehmen und Protestierende in „Gewaltbereite“ und „Gewalfreie“ zu unterteilen und erstere zu deligitimieren und abzuspalten. Unreflektiert wird hier Polizeijargon übernommen und aus einer privilegierten Position heraus eine Deutungshoheit über Protestformen beansprucht, welche nicht einmal theoretisch fundiert ist. Es wird sich lediglich von „jeglicher Gewalt“ distanziert.

Es zeigt sich hier ein extrem begrenztes Verständnis des Gewaltbegriffs. Es gibt viele Formen der Gewalt: Psychische Gewalt, physische Gewalt, verbale Gewalt, strukturelle Gewalt, systemische Gewalt. Nicht alle sind gleichermaßen sichtbar, nicht alle sind gleich verteilt, nicht alle haben dieselben Ursachen und nicht alle stellen Probleme derselben Größenordnung dar. Durch die Reduzierung des Gewaltbegriffs auf physische Gewalt, in diesem Beispiel auch noch gegen leblose Dinge, wird – von einigen bewusst, von anderen eher unbewusst – ein großer Teil der alltäglichen Gewalt ausgeblendet. Die Gewalt, die wir meinen ist nämlich alltäglich und allgegenwärtig. Sie ist systemisch und sie ist strukturell. Fast.Forward formulieren es in ihrem Beitrag „Verhältnisse“ sehr passend:

Gewalt in kapitalistischen Verhältnissen ist Alltag.
Gewalt in kapitalistischen Verhältnissen ist strukturell.
Gewalt in kapitalistischen Verhältnissen ist autoritär.
Kapitalistische Verhältnisse können nicht ohne Gewalt existieren.

Wir, die antiautoritären Gruppen, haben daher bewusst mit dem Spruch „Für ein Ende der Gewalt“ mobilisiert, denn „wenn wir ein Ende der Gewalt fordern, fordern wir ein Ende dieser Verhältnisse“ heißt es zum Schluss des oben verlinkten Textes. Militanter Widerstand gegen diese Verhältnisse ist daher nicht nur verständlich, sondern auch notwendig, denn von alleine schaffen sich die Verhältnisse nicht ab!

Der gerechte Zorn der Betroffenen!

Nicht nur die viel beschworenen deutschen Mittelstandskinder waren am morgendlichen Protest beteiligt, sondern viele eigens angereiste Aktivist*innen aus Italien, Griechenland, Spanien und anderen Ländern des europäischen Südens. Also Menschen, die direkt von der autoritären und illegitimen Politik der Troika aus IFW, EZB und EU sowie der deutschen Bundesregierung betroffen sind. Ihr Zorn ist begründet, da sie die autoritäre kapitalistische Gewalt, die ihnen aufgezwungen wurde tatgäglich erleben, erdulden und erleiden müssen. Millionen von Zwangsräumungen, Tausende Suizidtote, Hungertote, Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut, grassierende Obdachlosigkeit. Trotz alledem beanspruchen die bürgerlichen Medien, seien es rechte, mittige oder linke Blätter, das Recht, diesen Menschen ihre Wunsch-Protestformen aufzuzwingen. Sie sollen also friedlich verhungern und erfrieren, fordert der deutsche Bürger.

„A riot is the language of the unheard,“ sagte einst Martin Luther King. „Ein Aufstand ist die Sprache der Ungehörten,“ Und ungehört sind sie:Sie protestieren ja nicht erst seit gestern, sondern bereits seit Ausbruch der Krise gegen die zerstörerische, menschenfeindliche und ihnen von außen aufgezwunge Politik der Austerität, implementiert durch die Troika, und selbst gemäß ihrer eigenen kranken kapitalistischen Ideologie ökonomisch sinnfrei.

Freiheit entsteht als kämpfende Bewegung

Ich stelle hier nun die Frage in den Raum, wie sich die Menschen den Wandel hin zu einer besseren Gesellschaft vorstellen. Eine Umwälzung der gewaltsamen kapitalistischen Verhältnisse ist von Nöten, wenn wir eine gute und gerechte Welt für alle Menschen und Tiere aufbauen wollen. Diese Umwälzung, diese Revolution, kann nicht ganz ohne Gewalt vonstattengehen. Weder kann das System abgewählt werden, da es so konstruiert ist, dass dies unmöglich ist, noch kann es durch friedliches im Kreis Laufen in bunten Klamotten verändert werden. Eine fundamentale Umwälzung, wie wir sie benötigen, wird entschlossenen Widerstand benötigen, ein kollektives Auflehnen, und sie wird viele Menschen ihre Macht, ihre Privilegien und ihre geraubtes Eigentum kosten. All dies werden sie nicht kampflos aufgeben, sie bezahlen zum Schutz desselben ein Heer aus Polizist*innen und Soldat*innen und dazu ein riesiges Arsenal an dazugehörigen Waffensystemen und Ausrüstungen. Selbiges Arsenal präsentiert die Staatsgewalt auch gerne und offen zu solchen Gelegenheiten.

Wenn wir uns aber vergegenwärtigen, dass alle Rechte und Privilegien, die wir haben, erkämpft wurden, sollte die Bedeutung von sozialen Kämpfen offenkundig werden. Durch Arbeitskämpfe wurden Arbeiter*innen-Rechte erkämpft, durch soziale Kämpfe Grundrechte. Und durch die Kämpfe antiautoritäter Bewegungen entstehen libertäre Freiräume, gedeihen Utopien jenseits des Kapitalismus, wird Solidarität und gegenseitige Hilfestellung praktiziert. Die Hoffnung, die wir haben, eines Tages in einer gerechten und nachhaltigen Welt zu leben, ruhen einzig und allein auf dem Potential, sie uns erkämpfen zu können. Daher sind solche kollektiven Erfahrung von Subversivität, von Grenzüberschreitungen und Militanz wichtige Punkte auf dem Weg des kollektiven Widerstands gegen die Normalität kapitalistischer Herrschaft. Sie stärken die Bewegungen und zeigen, dass wir uns durch Repression, Einschüchterung, Kriminalisierung und Androhung von Gewalt nicht einschüchtern lassen, sondern dem mutig und entschlossen entgegentreten.

Zu Sinn und Zweck von Latschdemos

Die Parteilinken, die autoritär-kommunistischen Gruppen, das reformistische Lager und die Bürgerlichen, sie alle postulieren die wichtige Bedeutung „friedlichen Widerstands“ durch angemeldete Großdemos mit Event-Charakter und linker Prominenz. Es findet eine Schuldumkehr statt, zu Lasten der militanten Aktivist*innen. Diese hätten die Debatte überschattet. Statt um Inhalte sei es nur um „die Gewalt“ gegangen. Also nicht nur die Medien sind schuld an einer einseitigen, inhaltlosen Berichterstattung nach Schema F, sondern die Aktivist*innen, die den Medien quasi gar keine andere Wahl gelassen hätten. Wer sich die friedlichen Demos und Aktionen der vergangenen beiden Blockupy-Termine vor Augen führt, erkennt jedoch schnell, dass es auch dort nicht in einem Wort um irgendwelche Inhalte ging, seien sie noch so reformistisch und systemkonform vorgetragen und bunt präsentiert. Es wurde darüber berichtet, dass wir friedlich im Kreis gelaufen sind 2012, und dass wir zu Unrecht 10 Stunden im Kessel standen 2013, dass die ganze Polizeigewalt schlimm und das martialische Aufgebot unnötig war. Dennoch wurde dieses Jahr ein noch viel martialischeres Aufgebot aufgefahren. Aber eine Debatte ist nirgends in Sicht. Auf Twitter hieß es daher einen Tag danach auch passend:

Eine berechtigte Frage, auf welche wohl nie eine fundierte Antwort folgen wird. Es dürfte eher anders herum sein. Das System gibt klare und enge Regeln vor, wie systemkonformer Protest auszusehen hat. Wer sich an alle Regeln hält, ist ein guter Protestler, ein guter Demonstrations-Anmelder. Diese Regeln jedoch sind dergestalt, dass Protest zahnlos, harmlos und oft auch sinnlos wird, ja gar nicht mehr wirklich als Protest erkennbar ist. Wenn 20.000 Menschen zwei, drei Stunden lang eine abgesprochene Strecke ablaufen, in einer abgesperrten Stadt, umringt von Polizeispalieren, abgefilmt von hochauflösenden Polizeikameras und Drohnen, umstellt von Wasserwerfern, Räumpanzern und Polizeibullis, wird sich daraus keine subversive Bewegung etablieren können, wird das Kapital nicht einfach aufgeben, wird die Politik nicht beschliessen, das System zu ändern. Das soll nicht heißen, nur militanter Protest bringe etwas. Wenn es ohne Gewalt geht, ist das natürlich grundsätzlich vorzuziehen, denn das Ziel sollte immer bereits in den Mitteln anwesend sein. Auch reicht Protest schon lange nicht mehr aus. Die Zeit für Protest war vor einigen Jahren, als die Maßnahmen beschlossen wurde, die heute Millionen Menschen in Armut, Hunger und Tod treiben. Jetzt, wo die Menschen unter dem Joch ächzen und leidern, braucht es Widerstand. Entschlossenen Widerstand, um die unterträglichen Zustände zu beenden und die autoritäre Politik zu brechen. Und zu Widerstand gehört Subversivität, Kreativität, Grenzüberschreitung und Entschlossenheit.

Ob friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand!

In den sozialen Medien findet nun eine Schuldumkehr statt. Schuld an der Polizeigewalt sind die Demonstrant*innen, nicht etwa die Polizei. Schuld an der schlechten Presse sind die militanten Gruppen, nicht die Presse. Schuld an der Inhaltlosigkeit ist der Krawall, nicht die eigene Verantwortung an dem Transport der Inhalte. Der Frust wird abgeladen auf die militanten Aktivist*innen. Das Netz ist voll von Polemisierungen und widerlichen Beschimpfungen. Reformistische Strömungen und autoritäre Kommunist*innen stimmen ein in den Chor der bürgerlichen Parteien, der rechten Kommentator*innen und der Stammtische. Ein paar Polizeiautos brannten und ein paar Fensterscheiben von Filialen der Großbanken gingen zu Bruch, und schon entlädt sich der wütende deutsche Mob geifernd voller Hass genüber der „Linksxtremisten“, „Chaoten“, „Spinner“, „Krawallmacher“ und unzähliger weiterer Kampfbegriffe, entliehen aus dem rechten Spektrum. Am gleichen Tag wurde ein zukünftiges Heim für Geflüchtete angezündet, und keinen Menschen interessiert das, es wurde kaum berichtet und kaum geteilt. Spätestens hier entlarvt sich die Doppelmoral des deutschen Mobs.

Den Aktivist*innen wird zudem jegliche theoretische Einbettung ihres Widerstandes abgesprochen, sie seinen schlichtweg „dumm“ oder „geil auf Krawall“ oder nur nicht in der Lage, ihre Gefühle zu kontrollieren und „blind vor Wut“. Selbt in der eigenen Bewegung wird schnell von Agent Provocateur gesprochen. Zweifelsohne waren diese im Einsatz, dies ist mittlerweile eine Standard-Polizeitaktik, wenn auch eine verbotene. Auch passen einige Sachen an einigen Stellen nicht zusammen, es kam zu einigen untypischen Aktionen und Angriffen. (UPDATE: laut Mainstream-Presse Infos handelte es sich um Autonome Nationalisten). Ich empfehle sehr die hier verlinkte Pressemitteilung des Netzwerks M18 „Ein ‚Tag des Zorns‘ in Frankfurt“ zu lesen, in der auf diese Aktionen eingegangen wird.

An dieser Stelle sei eines noch einmal deutlich klar zu stellen: Gewalt ist ein Instrument, um Herrschaft zu etablieren. Wir lehnen Gewalt und Herrschaft strikt ab. Doch diese Gewalt wird uns tagtäglich entgegengebracht, diese Gewalt leben wir mit, diese Gewalt fordert Tote auf der ganzen Welt, jeden Tag, zu Tausenden. Und dieser Gewalt stellen wir uns entschlossen entgegen, mit allen notwendigen Mitteln. Unser Ziel ist ein Ende der Gewalt, ein Ende jeglicher Autorität, ein Ende jeglicher Herrschaft. Daher leisten wir militanten Widerstand und Gegenwehr! Daher formieren wir eine Gegengewalt, statt bloß plump gegen jegliche militanten Aktionen zu sein.

Der italienische Anarchist Errico Malatesta hat sich dazu viele Gedanken gemacht. Für ihn ist die alltägliche strukturelle Gewalt des Systems allgegenwärtig und muss mit allen Mitteln überwunden werden, um zu einer gewaltfreien und herrschaftsfreien Gesellschaft zu gelangen. Da diese Gewalt uns so oder so entgegengebracht wird, ist Gegenwehr mit den Mitteln der Gewalt für ihn Notwehr, so lange sie der Befreiung dient. Er schreibt hierzu folgende zwei wichtige Absätze, die dieses Spannungsverhältnis verdeutlichen:

Man könnte daher sagen, daß die spezifische Idee, die die Anarchisten kennzeichnet, die Abschaffung des Gendarmen ist, die Beseitigung der mittels roher – legaler oder illegaler – Gewalt aufgezwungenen Regeln als ein das gesellschaftliche Leben bestimmender Faktor.“

Dennoch ist für ihn Gewalt ein adäquates Mittel, um für die Befreiung zu kämpfen, denn:

Damit zwei in Frieden miteinander leben können, müssen beide den Frieden wollen; besteht nämlich einer der beiden darauf, den anderen mit Gewalt zwingen zu wollen, für ihn zu arbeiten und ihm zu dienen, dann wird dem anderen – trotz seiner Friedfertigkeit und seiner Bereitschaft zu gegenseitiger Übereinkunft – nichts übrig bleiben, als der Gewalt mit entsprechenden Mitteln Widerstand entgegenzusetzen, sofern er seine Menschenwürde behalten und nicht zu allerniedrigster Sklaverei verurteilt sein will.“

Nicht jede*r muss dies tun, eine jede und ein jeder sollten gerade so weit gehen, wie sie es für richtig halten, wie sie es körperlich und seelisch vermögen und wie sie sich vorbereitet haben. Die gewaltfreien und die militanten Aktionsformen können nebeneinander existieren, und sollten je nach Situation und Bedarf gewählt werden. Doch indem wir uns untereinander entsolidarisieren, uns spalten lassen oder uns selbst spalten, festigen wir das herrschende System und schaden dem Widerstand. Viele sind versucht, sich dem Medien-Echo zu entziehen, indem sie sich auf die andere Seite begeben.

Schließt euch nicht dem autoritären Mainstream an und drescht nicht auf die Gescholtenen auch noch ein, um wenigstens dabei gehört zu werden und wieder Anschluss zu finden. Auch wenn die Aktionsformen abgelehnt werden, sie sollten als Aktionsformen einer Bewegung mit einem Ziel verstanden werden. Wir sollten zusammen halten und vereint gegen die kapitalistische Normalität ankämpfen. Solidarisiert euch!

PS.: Ich selbst kam übrigens erst am Mittag in Frankfurt an, und es wäre als hätte alles was ich dort erlebt habe medial nicht stattgefunden. Ich befand mich im Block von Kommuja, dem Netzwerk der politischen Kommunen. Wir waren größtenteils aus den vier politischen Kommunen in Kassel angereist, dem Interkomm-Netzwerk, als welches wir folgenden tollen Aufruf veröffentlicht und verteilt haben: There is no alternative – Bildet Banden!

freiheit entsteht als kämpfende bewegung

There is no alternative – Bildet Banden!

Veröffentlicht: 12. März 2015 in Einfach so

Das Mädchen im Park

Auch das Interkomm-Netzwerk Nordhessen beteiligt sich am Blockupy-Aktionstag am 18. März 2015. Was die Kommune-Bewegung mit Krise und Protest zu tun hat:

Die Krisenanfälligkeit des Systems ist alternativlos!
Denn Kapitalismus ist eine dauerhafte Krise!

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Politischer Spielfilm: Tag der Wahrheit

Veröffentlicht: 17. Januar 2015 in Einfach so

Das Mädchen im Park

Netter Fernsehabend gefällig? Sehr oft nehme ich dieses Angebot nicht wahr, vor allem wenn ich nicht genau weiß, was ich anschauen möchte. Zu groß ist die Gefahr, dass ich nur irgendeinen Blödsinn zu sehen bekomme, der mich mehr aufregt als entspannt. Beim letzten Mal stand aber ein recht vielversprechender Film auf dem Programm: ein Politthriller, der sich mit dem Thema Atomenergie beschäftigt. Kann mensch ja mal machen, oder?

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