Her mit dem schönen Leben! Her mit dem geilen Scheiß!

Veröffentlicht: 28. November 2014 in Anarchie, Einfach so, Kommentar, Solidarökonomie
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Für viele Menschen scheint das Ende des Kapitalismus nur mit Verzicht und der Rückkehr in die Steinzeit einher zugehen. Dabei haben vor allem anarchistische Gegenentwürfe einiges zu bieten: Unsere Leben könnten gerechter, nachhaltiger und viel angenehmer sein – und unsere Technik und unser Wissen ausgereifter.

„Sag mal, glaubst du wirklich, ohne den Kapitalismus hätten jemals solche Dinge wie Smartphones entwickelt werden können?“ So oder so ähnlich lautete neulich eine Frage an mich. Eine gefährliche Frage, aber ich war einigermaßen vorbereitet, denn ich hatte mir da selbst einige Gedanken zu gemacht. Die Frage ist deshalb so brisant, weil sie vermeintliche Vorzüge des Kapitalismus aufzuzeigen versucht und gleichzeitig die von mir vertretenen Utopien mit dem Mittelalter gleichsetzt. (Tatsächlich gibt es Gruppen und Personen, die für eine primitivistische Variante des Anarchismus einstehen). Auch ich muss zugeben, dass für mich eine deindustrialisierte Welt dem jetzigen zerstörerischen Kapitalismus immer noch deutlich vorzuziehen ist. Denn was bedeutet all der technische Fortschritt ohne sozialen Fortschritt? Was bedeutet unser Wissen, wenn es die Lebensgrundlage der Arten zerstört? Doch der Weg zurück ist keine Option. Stattdessen können wir eine wirklich moderne und gerechte Wirtschaft jenseits des Kapitalismus aufbauen.

Im Kapitalismus ist alles doof

Die heutige Forschung basiert auf einem System der globalen Konkurrenz, der Erschließung immer neuer Märkte, der Ausbeutung aller Ressourcen und des Zwangs zu immer schneller werdendem Wachstum. Dies hat uns selbstverständlich viele hochmoderne Spielzeuge verschafft, die noch vor einem Jahrzehnt nur in Science Fiction-Filmen möglich schienen. Auch hat dieses Prinzip den Technik produzierenden Teil unserer Wirtschaft produktiver gemacht und durch Automatisierung immer weiter rationalisiert.

All dies wird heute mit dem irreführenden Begriff des „technischen Fortschritts“ zusammengefasst. Die Folgen desselben für Mensch, Tier und Umwelt jedoch sind verheerend. Der Klimawandel droht sich zu verselbständigen und den gemeinsamen Lebensraum, den dieser Planet bietet, zu zerstören. Der menschliche Körper wird durch Tausende von Industriegiften langsam vergiftet. Die Tiere, die wir halten, verbringen ein gleichsam elendes wie kurzes Leben in unseren Tierfabriken. Die Pflanzen werden manipuliert, die Böden verseucht und die Luft verpestet.

Für unseren Hunger nach Fleisch, seltenen Erden und fossilen Brennstoffen aber leidet nicht nur das Ökosystem. Die sozialen Folgen sind noch viel katastrophaler als die meisten Menschen sich vorzustellen bereit sind. Unsere Wegwerf-Mentalität, die Konsumgesellschaft und der massenhafte Konsum industriell gefertigter „Lebensmittel“, die mal Lebewesen waren, ist einer der Hauptgründe für den täglich tausendfachen Hungertod auf dieser Welt inmitten des Überflusses. Die Unterordnung aller Lebensbereiche, aller Gesellschaften auf allen Kontinenten unter die Verwertungslogik des Kapitalismus bewirkt, dass die Dinge, die niemanden gehören können und für alle da sein sollten, immer weniger Menschen zugute kommen.

Das beste Beispiel für diese Perversion ist Afrika: Einer der größten Kontinente auf diesem Planeten, mit erstaunlich wenig Einwohnern pro Quadratkilometer, einer riesigen Artenvielfalt, diversen Klima- und Vegetationszonen, einer reichen kulturellen Vielfalt und vor allem enormen Vorkommen von Ressourcen. Afrika kann mit Fug und Recht als der reichste Kontinent von allen bezeichnet werden. Dennoch leben dort unglaublich viele Menschen in Armut. Eine Armut, die dort oft zum Hungertod führt. An dieser Stelle kommen oft die Einwände, daran seien die Staaten dort selbst schuld, denn die ständigen Bürgerkriege und Diktaturen ließen eben einen gesunden Markt nicht zu. Statt ihre Länder zu entwickeln schießen sie sich gegenseitig ab. Doch nicht nur die Tatsache, dass es in ganz Afrika keine einzige Waffenfabrik gibt, zeigt, dass der Markt die eigentliche Ursache dieses Übels ist.

Nein, für unseren „technischen Fortschritt“ müssen dort kleine Sklavenkinder von Soldaten bewacht in Minen Coltan und Tantal schürfen für unsere Laptops und Smartphones. Der Ressourcenhunger der westlichen Welt zerstört dort jede Chance auf ein gutes Leben. Shell zerstört die Umwelt und vertreibt Ureinwohner mit Söldner- und Militärgewalt. China hat erst alle Mineralressourcen, die zu kaufen waren, aufgekauft, dann die Minen, dann die Gelände, auf dem sie stehen und mittlerweile gleich ganze Landstriche. Amerikanische und deutsche Waffen bringen den Produzenten großen Profit und im globalen Süden tägliches Leid. Ganze Diktaturen basieren nur auf dem Handel mit Diamanten für die Ohrringe in westlichen Kaufhäusern .

All dies weil Gewalt die kapitalistischen Prinzipien global aufrecht erhält. Das Prinzip von privatem Eigentum an öffentlichen Gütern wie Ressourcen, Infrastruktur und Land, die Logik von Geld, Schuld, Zins und Zinseszins treibt die armen Staaten immer tiefer in die Armut und Abhängigkeit. Kleinbauern und Familien sind dem das ewige Diktat des Marktpreises auf Grundnahrungsmittel der Gnade von Nahrungsmittelspekulant*innen, Investor*innen und protektionistischen Außenhandelspolitiken ausgeliefert. Eine Gnade, bei der wir mittlerweile wissen, dass sie sie nicht haben.

Drei Beispiele, warum der Kapitalismus nur Schrott bietet

„Ok“,mag ein Mensch sagen, „dafür haben wir hier die ganze moderne Technik und ein leichteres Leben, was kümmern mich die anderen?“ Abgesehen davon, dass dies eine menschenverachtende und autoritäre Ansichtsweise ist (ich es aber leider auch schon gehört habe), gibt es noch einen Fehler darin: Unser Leben ist weder besser geworden noch ist die uns umgebende Technik irgendwie fortschrittlich, modern oder auch nur gut.

Anhang dreier Beispiele, aus unserem Alltag lässt sich zeigen, dass die Prinzipien, die unsere Wirtschaft bestimmen, dazu führen, dass unsere Waren bestenfalls suboptimal sind.

Das erste Beispiel ist der folgende Zusammenhang: Im Kapitalismus wird nicht für den Verbraucher und seine Bedürfnisse produziert, sondern schlicht und einfach für den Profit. Was produziert wird, wie es produziert wird und wie gut oder schlecht es ist, ist dem Produzenten egal, solange es sich verkauft und Profit erwirtschaftet. Zwar wird Marktforschung betrieben, um herauszufinden, wie die Verbraucher*innen ticken, aber die Ergebnisse fließen eher in Marketingstrategien ein. Marktforschung, Marketing, Produktdesign, Corporate Identity und Corporate Design sind die Hauptbetätigungsfelder moderner Unternehmen. Produzieren kann jeder, und was jeder kann, kann mensch auch billig in Schwellenländern herstellen lassen. Dies bedeutet, dass die Waren quasi erst produziert werden, und erst dann eine Nachfrage geschaffen werden muss, um sie zu verkaufen.

Was ist daran so problematisch? Folgende Überlegungen fanden im ganzen Prozess keine Berücksichtigung: Ob die Welt auf das Produkt gewartet hat, ob es uns wirklich voranbringt, ob wir es wirklich alle brauchen und ob sich der ganze Aufwand, sprich, die ganzen Ressourcen, das ganze CO2 und die ganze Arbeitskraft und Arbeitszeit, es wirklich wert sind. Uns fallen sicher Hunderte Produkte ein, die wir letzten Endes nicht wirklich brauchen und für deren Genuss wir eh keine Zeit haben. Umgekehrt fallen uns viele Projekte und Technologien ein, die die Welt wirklich zu einem besseren Ort machen könnten.Diese wurden aber nicht entwickelt, aus diversen Gründen, zu denen wir noch kommen. Warum an Stelle von nützlichen die unnützen Dinge hergestellt werden lässt sich gesamtgesellschaftlich logisch nicht beantworten.

Um diese Logik geht es auch im zweiten Beispiel: Nehmen wir die Smartphones aus dem Einleitungssatz, eine unserer neuesten und geliebtesten Errungenschaften. Sogar ich habe eins, auch wenn es ein geschenktes Testexemplar des Hersteller ist. In gewisser Hinsicht kann mensch die Dinger schon bewundern: Auf der Größe einer Hosentasche ist in ihnen die 20-fache Rechenleistung meines ersten PCs verbaut. Es kann nicht nur telefonieren und SMS schreiben, es ist auch mein Kalender, mein Wecker, eine Spielekonsole, ein Fotoapparat, ein Notizblock, eine Taschenlampe, ein Navigationsgerät, ein MP3-Player – im Grunde ein kleines Büro! Und das sind nur die Basis-Funktionen, es kann auch das Auto starten, die Heizung regulieren oder eine Drohne steuern. Es ist damit viel mehr als ein Laptop je war. Was übrigens nicht heißen soll, dass wir all die anderen Dinge nicht trotzdem noch hätten.

Was also habe ich daran auszusetzen? Ganz einfach: In jedem Bauteil ist die kapitalistische Logik mit verbaut. Hitzeempfindliche Bauteile sind neben Hitze erzeugenden Teilen verbaut, damit sie nicht zu lange halten und wir somit bald ein neues brauchen. Dies nennt mensch geplante Obsoleszens, ein mehr oder weniger illegaler Prozess, den aber doch alle anwenden. Selbst ohne dieses obszöne Meisterstück der Ingenieurskunst sind die Geräte schnell obsolet: Betriebssysteme, Anwendungen, Schnittstellen und Netze werden mit einer enormen Schlagzahl erweitert und aufgerüstet ohne abwärts kompatibel zu sein. Die Produktzyklen werden immer kürzer. Mittlerweile spielen schon modische, kulturelle oder gar semi-religiöse Aspekte eine Rolle.

Das iPhone ist das beste Beispiel: Auch wenn die Kund*innen vorher ganz glücklich waren mit ihrem iPhone 5, das alles Mögliche kann und ordentlich Geld gekostet hat, kaufen sie sich alle das iPhone 6, sobald es erscheint, für noch mehr Geld, ohne dass es wirklich viel mehr kann als das Vorgänger-Modell. Was kaputt geht, lohnt sich aus marktwirtschaftlicher Sicht nicht zu reparieren und wird ausgetauscht, ein neueres Modell ist eh da. Für Reparatur sind die Geräte eh nicht ausgelegt, dies läuft dem Profit-Interesse der Hersteller entgegen.

Die viel beschworene Konkurrenz der Hersteller untereinander, der von den Marktradikalen fast mystische Kräfte zugeschrieben werden, führt in der Realität ebenfalls zu letztlich schlechter Technik und einem Schaden für die Allgemeinheit. Der Krieg der Patente bedeutet, dass eventuell ganz gute Lösungen von technischen Problemen nur von einem Hersteller verwendet werden dürfen, alle anderen müssen minderwertig produzieren. Zudem werden auf total banale Dinge Patente angemeldet, wie gewisse geometrische Formen, neue Abstufungen der Farbe Blau oder ein bestimmtes Kabel. Wenn möglich, versuchen die Hersteller ihre eigenen Systeme und ihre eigenen Schnittstellen zu verwenden, um die Kund*innen an die gesamte restliche Produktpalette zu binden und der Konkurrenz das Wasser abzugraben, was im Alltag aber nur zu Frust führt.

Letztlich forschen Tausende hochspezialisierte und begabte Menschen gegeneinander statt miteinander. Sie forschen parallel an fast derselben Technik, aber mit der Gewissheit, dass eventuell am Ende nur wenige Hersteller den Markt beherrschen und somit die ganze Arbeit umsonst war. Statt ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten, Wissensschätze und Technologien miteinander zu teilen und gemeinsam weiterzuentwickeln, um das bestmögliche Produkt zu entwerfen, verwenden die Unternehmen ihre Energie lieber auf Anwälte, um der Konkurrenz zu schaden, sowie Orte für billige Produktion um jeden Preis und Steuerflucht.

Bisher könnte mensch meinen, das sei alles nicht so tragisch.Wenn Smartphones nicht gut wären, hätten ja nicht so viele eins, also scheint ja was dran zu sein, unabhängig von den zu Grunde liegenden Prinzipien und etwaigen moralischen Problemen. Doch was noch nicht vollständig berücksichtigt wurde, ist, was es für uns und die Umwelt bedeutet, dass wir alle Autos und Smartphones haben und für den Urlaub Interkontinentalflüge buchen. Die aktuelle Spielart des Kapitalismus erlaubt nämlich das Ausnutzen von sogenannten externalisierten Kosten, um die Produkte künstlich billig zu gestalten, sodass so hochtechnisierte Gerätschaften überhaupt für den Massenkonsum durch „Ottonormalverbraucher“ taugen.

Die Rede ist vom so genannten „ökologischen Rucksack“. Um zu zeigen, dass auch die Vertreter eines „grünen Wachstums“ und „nachhaltigen Kapitalismus“ dies nicht alles ganz durchdacht haben, ist das dritte Beispiel ein modernes Elektroauto. Es ist zwar relativ gesehen „besser“,als Benziner oder ein Diesel, aber das macht es noch lange nicht gut. Was viele nicht wissen ist, dass bei modernen Autos 50 Prozent des CO2-Verbrauchs im Verlauf der Produktion entstehen, also bevor das Ding auch nur einen Meter gefahren ist. Dieser CO2-Ausstoß löst eine Kette von Folgen aus, die erhebliche gesellschaftliche Kosten erzeugen, und zwar für die gesamte Gesellschaft, auf dem ganzen Planeten sowie für nachfolgende Generationen. Also auch für Menschen, die sich niemals in ihrem Leben ein solches Gefährt würden leisten können. Diese Kosten aber werden auch noch externalisiert, das heißt, sie sich nicht im Produktpreis eingepreist.

Durch die speziellen Eigenschaften der industriellen Massenproduktion, der verschachtelten Wertschöpfungskette und schlichter rücksichtsloser Ausbeutung natürlicher Ressourcen können die Stückkosten auf ein Minimum gesenkt werden. Bei hoher Stückzahl kann mit einer geringen Marge kalkuliert werden und so gleichzeitig ein „wettbewerbsfähiger“, günstiger Verkaufspreis erzielt werden und Profit gemacht werden. Dieser Verkaufspreis spiegelt aber in keinster Weise den Wert der darin enthaltenen Rohstoffe wider, auch lassen sich nicht einmal ansatzweise die entstandenen Auswirkungen auf das Weltklima neutralisieren. Nicht einmal faire Rohstoff-Preise für die fördernden Länder oder faire Löhne sind in diesem Preis enthalten. Allein die kapitalistische Logik führt dazu, ein so unnachhaltiges Produkt für den Massenkonsum zu produzieren. Der eigentliche Preis eines solchen hochtechnisierten Produkts läge sicher bei mindestens dem Zehnfachen.

Eine andere Welt ist möglich, und eine mögliche Welt ist anders

Was aber wären die Alternativen? Sollen Elektroautos etwa nur ein Privileg einer kleinen Schicht von Superreichen sein? Oder sollen Gesetze uns zur Mäßigung zwingen? Sollen wir gar in ein neues Mittelalter abgleiten?

ANichts von alledem wäre die Alternative, die mir und vielen anderen Anarchist*innen vorschwebt. Die Utopie, die wir vertreten, ist kein fest geformtes Modell zum Überstülpen und keine starre Ideologie zum Hinterherlaufen. Und auch eine Planwirtschaft, die nur ein gut versteckter Staatskapitalismus ist, wie ihn die autoritären Kommunist*innen in der Vergangenheit so oft erfolglos probiert haben, ist keine Lösung. Nein, wir wollen, dass die Menschen sich selbst befreien, indem sie sich selbst organisieren und neue Gemeinschaften bilden, die auf den Prinzipien der Kooperation und der gegenseitigen Hilfestellung basieren. Diese Gemeinschaften können extrem pluralistisch in ihrer Natur sein. Basis ist die freie Vereinbarung, das bedeutet, niemand ist gezwungen, sich einem System zu unterwerfen oder in eine bestimmte Gemeinschaft einzutreten. Die Überwindung des Kapitalismus muss mit einer Überwindung der Staaten und des Nationalismus einhergehen, um jegliche Herrschaftsverhältnisse aufzubrechen, keinen Raum für erneute Unterdrückung zu schaffen und neue herrschaftsfreie Gesellschaften aufzubauen. Unser Wirtschaften würde einen völlig anderen Charakter haben: Jeder und jede nach seinen bzw. ihren Fähigkeiten, jeder und jede nach seinen bzw. ihren Bedürfnissen. Diese Utopie der Anarchie bietet auch schon einige Konzepte, die wir uns bereits in der heutigen, von kapitalistischer Herrschaft geprägten Welt vorstellen können.

Das Konzept der Solidarökonomie ist eine solche gelebte Utopie. Sie kann im Hier und Jetzt verwirklicht werden, ist unserem derzeitigen Wirtschaftssystem jedoch komplett entgegengesetzt. Ihr Ziel ist eine Wirtschaft, die auf Freiwilligkeit, Kooperation, Hilfestellung und – wie der Name schon sagt – Solidarität beruht. Beispiele dafür sind solidarische Landwirtschaft, Kooperationsbetriebe, Küche für alle und Umsonstläden. Das Ziel ist eine Gesellschaft, die ohne Geld und ohne Privateigentum an öffentlichen Gütern auskommt. Denn nur so lässt sich die kapitalistische Logik vollständig durchbrechen.

Ein Umsonstladen funktioniert nicht wie ein Tauschring, wo ich den Gegenwert der von mir gegebenen Ware erwarte, sondern ist bedingungslos. Dies nicht allein aus altruistischen Gründen. Ich gebe heute etwas, um mir sicher zu sein, dass ich eines Tages auch etwas bekomme,falls ich etwas brauche. So kann es also Menschen geben, die nur etwas mitnehmen, während einige Menschen gar nichts benötigen, sondern nur Dinge abgeben.

Jetzt kann mensch natürlich berechtigterweise anmerken, dass dies ja nur bei bereits hergestellten Dingen funktioniert, die Sachen aber auch irgendwie und irgendwo produziert werden müssen. Darin enthalten ist das alte aber unbegründete Vorurteil, ohne den Kapitalismus könne nichts mehr hergestellt werden. Mangel und Verzicht sind die beiden großen Dämonen, die dann herauf beschworen werden. Dabei ist Mangel die treibende Kraft des Kapitalismus, denn in Form von Knappheit bestimmt er den Wert aller Waren. Ist etwas nicht knapp, messen wir ihm keinen Wert zu. Ist etwas nicht knapp, was es aber aus Profit-Gründen sein sollte, so wird es künstlich verknappt. Auch ist zwanghafter Verzicht gelebte Realität von Milliarden Menschen. Dennoch muss mensch die Angst vieler heute privilegierter Menschen vor einem Verlust von Lebensqualität, Luxus und Bequemlichkeit ernst nehmen. Viele Menschen haben sich so an diese Ideen gewöhnt, dass sie viel eher bereit sind, ein „Weiter so“ zu akzeptieren, mit allen moralischen und umweltzerstörerischen Implikationen, als sich eine Welt des Mangels und des Verzichts als Zukunft vorzustellen. Aber wer wären wir, auch eine solche Welt zu fordern? Was wäre unsere Utopie, wenn sie dies als logische Folge hätte? Auf keinen Fall die Mühe Wert, dafür zu kämpfen. Denn natürlich werden weiter Dinge hergestellt, und zwar nur die Dinge benötigen, in genau der benötigten Menge. In einer modernen Industrie, die ressourcenschonend, energieeffizient, nachhaltig, kooperativ und transparent arbeitet.

Wenn wir aber unsere Vorstellungskraft noch ein bisschen weiter bemühen, können wir uns eventuell die Vision einer einer neuen Gesellschaft vorstellen, die nicht so ist wie die jetzige, in der es uns aber gut geht und wir nicht von Armut, Hunger und Tod bedroht sind und in der wir nicht im Müll unserer vorgeblichen Zivilisation drohen langsam zu ersticken.

Denn wirklich gut geht es uns ja gerade nun auch nicht, trotz (oder wegen?) all der technischen Spielereien: Die, die noch eine geregelte Arbeit haben, müssen alles tun, damit es so bleibt und sind zu Überstunden, weniger Gehalt und allen möglichen Schandtaten bereit. Viele sind moderne Tagelöhner*innen, verdingen sich durch Zeitarbeit, Leiharbeit oder Minijobs, manche auch als unbezahlte Praktikant*innen. Darunter kommt eine Schicht von Aussortierten und sozial und ökonomisch Abgehängten, die für die Wirtschaft lediglich als Konsument*innen für billigen und unnützen Tand noch taugen. Aber egal, auf welcher Seite mensch steht, gut geht es damit kaum jemanden, entweder mensch ist dem Burn Out- oder dem Bore Out-Syndrom nahe. Wir haben keine Freizeit, den Nutzen aus all den technischen Neuerungen zu ziehen, und wenn wir die Zeit haben, so haben wir kaum das notwendige Kapital, am Ball zu bleiben.- und dabei immer dieses Gefühl, noch nicht genug geleistet zu haben. Viele Menschen verzweifeln daran, psychische Syndrome häufen sich, die Selbstmorde ebenso. Und nach und nach werden vielen auch noch die moralischen Implikationen ihrer autoritären Lebensweise bewusst, ohne dass eine Alternative lebbar wäre, woran auch viele verzweifeln.

Die neue Gesellschaft basiert auf Bedürfnissen und auf Verteilungsgerechtigkeit der vorhandenen Ressourcen. Ein Großteil der Arbeit, die wir heute tun, ist für die Gesellschaft nicht förderlich, manches gar schädlich, in beiden Fällen aber überflüssig. An anderer Stelle wird nicht genug gearbeitet. Und die wenigsten arbeiten in dem Bereich, in dem auch ihre Interessen liegen. Stellen wir uns also vor, ein jeder und eine jede würde nur so viel arbeiten, wie es ihm oder ihr beliebt, in dem Bereich, in dem dieser Mensch die besten Fähigkeiten und das meiste Interesse hat, natürlich vereinbar mit seiner Lebensplanung, Kinderwünschen, anderen Hobbies und Interessen – und natürlich genug Freizeit. In der restlichen verbliebenen Arbeitszeit würde dieser Mensch mit anderen Menschen ohne krassen Zeitdruck oder Leistungsdruck gemeinschaftlich kooperativ zusammenarbeiten. Die Produkte der Arbeit wären sinnstiftend und ihr Nutzen für die Gesellschaft klar ersichtlich. Es wären zudem gute, faire und nachhaltige Produkte. Produkte, die nicht einer kleinen Minderheit, sondern allen die sie benötigen zur Verfügung gestellt werden würden.

Die Forschung wäre ebenfalls kooperativ ausgelegt, in etwa vergleichbar mit Open Source Software, also die Art und Weise wie Linux oder Wikipedia entstanden sind. Aus diesem Prinzip lässt sich eine ganze Ökonomie, die Open Source-Ökonomie herleiten. Produkte werden gemeinsam entworfen. Sie sind modular aufgebaut und allgemein kompatibel. Die Baupläne werden hochgeladen, können von anderen angesehen, kommentiert, heruntergeladen, bearbeitet, auf regionale Begebenheiten angepasst und wieder hochgeladen werden. Reparatur-Werkstätten setzen alte Geräte wieder in Stand und versuchen sie so lang wie möglich zu erhalten. Was wirklich für alle Zeit kaputt ist, kann up-, down- oder recycled werden, und zwar so vollständig wie möglich. Geschlossene Kreisläufe werden eine große Rolle spielen, sogenannte Crade-to-Cradle-Konzepte werden den Produkten zugrunde liegen, sodass nichts verschwendet wird. Die Ressourcen der Welt sind gerecht unter den Gemeinschaften des Globus aufgeteilt:Was der einen Region mangelt, wird ihr gegeben, was sie herstellt, solidarisch geteilt. Dabei wird versucht, in einem Gleichgewicht mit dem uns umgebenden Ökosystem zu bleiben, und auf fossile Brennstoffe komplett verzichtet.

All unsere Energie kommt aus regenerativen Quellen. Der Energiebedarf wurde schließlich auch drastisch gesenkt, durch effizientere Fortbewegungsmittel, weniger Gründe für individuellen Pendelverkehr, kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr und letztendlich vor allem durch maximal nur noch ein Drittel der jetzt existierenden Fabriken und sonstigen Produktionsstätten. Die Landwirtschaft wäre so aufgebaut, dass sie mit möglichst wenig Ressourceneinsatz und nah an der Natur möglichst viele Menschen in der umliegenden Region ernährt. Konzepte wie die solidarische Landwirtschaft, die biovegane Landwirtschaft und die Permakultur sind ein reicher Schatz an Praktiken, die uns auf dem Weg dahin helfen können. Nicht zuletzt unsere Bildung und unsere Kultur sind endlich frei von kapitalistischen Sachzwängen, genauso wie unsere Liebe und unsere Freizeit.

streetart

Aus dem derzeitigen Chaos eines entfesselten globalen Kapitalismus würde eine neue Ordnung entstehen, eine Ordnung ohne Herrschaft. In einer Welt ohne Herrschaft bestimmen die Menschen wieder selbst über ihr Leben, aber gemeinschaftlich mit anderen. Entscheidungen werden von allen Menschen, die sie betreffen im Konsens getroffen,. Statt Diktaturen, Scheindemokratien, Parteien, Politiker*innen, Militärs, Gefängnissen und Polizeiapparaten haben wir Nachbarschafts-Versammlungen und Delegierten-Treffen für den Stadtteil, die Stadt und die Region als einzige Instanzen einer selbst gegebenen Ordnung.
Dieser Umbau der Gesellschaft würde uns alle herausfordern, aber auch uns alle erfordern.

Es gibt viel zu tun. Packen wir es an!

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Kommune: Eine bewusste Entscheidung

Ein Leben ohne Bedingungen

Die Zukunft des Teilens

Alles für alle und zwar umsonst!

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Kommentare
  1. Vielen Dank, sehr geniale Gedankengänge.
    Leider ist der Mensch nicht in der Lage solche Schritte zu gehen, Neid, Arroganz und Macht sind Triebfedern des Lebens, darum werden wieder nur die gleichen „Verrückten“ es versuchen, unter sich bleiben und von der Masse belächelt werden.

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