Du nennst mich radikal…

Veröffentlicht: 29. September 2013 in Einfach so, Kommentar
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20.11.2011 Du nennst mich radikal, autonom, extremistisch, einen linken Spinner, eine Zecke, einen Träumer.

Aber bin ich das?

Wenn es radikal ist, für ein gerechteres politisches System einzustehen, wenn es radikal ist, für ein humaneres Sozialsystem zu kämpfen, wenn es radikal ist auf die Konstruktionsfehler unseres Finanz- und Geldsystems aufmerksam zu machen, wenn es radikal ist, statt von oben herab die alternativlose Lösung zu präsentieren einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs und konstruktive Kritik zu fordern und wenn es radikal ist die Beteiligung der Bürger an der Ausübung von Herrschaft, der Verteilung von Wohlstand und den freien Zugang zu Informationen und Bildung zu fordern, ja, dann bin ich radikal – und du solltest es auch sein!

Aus diesen Gründen solidarisiere ich mich mit den weltweiten Aktionen, Demonstrationen, Protesten und Revolutionen die im Rahmen des sogenannten Arabischen Frühlings, der Bewegung 15. Mai, Occupy Wall Street und Echte Demokratie Jetzt stattfanden und -finden und genau dieses im Sinn haben. Wir haben an einem historischen Tag, dem 15. Oktober 2011, etwas erreicht, was vor uns noch nie jemand erreicht hat: Erstmalig konnten auf der ganzen Welt Millionen Menschen gleichzeitig zu einem „Wirtschaftsthema“ mobilisiert werden und ihrer Empörung über das globale Wirtschafts- und Finanzsystems öffentlich Ausdruck verleihen. Diese historische Aktion bedurfte eines globalen Minimalkonsenses – ebenfalls etwas, dass es meines Wissens in dieser Form noch nicht gegeben hat. Dieser lässt sich in etwa wie folgt zusammenfassen:
1. So wie das System derzeit gestaltet ist, ist es ineffektiv und ungerecht und
2. ein globaler, gesamtgesellschaftlicher und partizipatorischer Diskus muss her, um gemeinsam nach gerechteren Alternativen zu suchen.
Sehr radikal, ich weiß.

Und dass es diese oben angesprochenen Konstruktionsfehler gibt und wir uns die nicht aus den Fingern saugen sollte mittlerweile noch dem Bildungsfernsten, dem politisch Uninteressiertesten und dem Neoliberalsten aufgefallen sein – wenn sogar ein Rösler es so langsam begreift, wenn es schon bei Beckmann kommt, wenn schon der Geissler sich empört, wenn selbst die Merkel auf einmal verschämt die Tobin-Steuer aufwärmt (ganz zu schweigen von gewissen Satiresendungen im Staatsfernsehen), dann sollte doch der gutgläubigste Konsvervatismus-Euphoriker unter uns es endlich begreifen. Dass diese Doktrin immer mehr Menschen empört, und immer unterschiedlichere, liegt meines Erachtens auf der Hand. Es sind diesmal nicht nur die Jungen, die Akademiker, die Intellektuellen oder die Vermummten – nein, es sind auch die Hartz-IVler, die Rentner, die Atomkraftgegner, die Kommunisten, die Umweltschützer, die Keynesianer. Immer mehr Menschen fangen an nachzudenken, darunter auch Wirtschaftsprofessoren, Manager, Investoren, Aufsichtsratsvorsitzende, ja, sogar viele Politiker und Banker! Allein – es dringt noch nicht zu der Masse durch (in Deutschland jedenfalls). Und natürlich ist ein gewisses Maß an Zorn und Empörung durchaus angebracht in Anbetracht der Dimensionen, die die Probleme angenommen haben, die uns die Hörigkeit gegenüber einer defektiven Theorie gebracht haben.

Doch warum sind wir dieser Theorie, der neoliberalen Theorie, so hörig? Weil viele das ganze Thema nicht verstehen? Oft höre ich, dass alles doch so kompliziert sei, so komplex, so unverständlich, man müsse dafür doch studiert haben! Und ich sag: bullshit! Eine fünf minütige Google-Suche oder eine zwei Minuten Youtube-Suche fördert Blogs und Videos zu Tage, die in 15 Minuten einem die Konstruktionsfehler unseres Geldsystems so erklären dass man es im Anschluss seinen Nachbarn erläutern und es beim wöchentlichen Treffen des Dackelzüchtervereins aufzählen kann. Aber nein, die Themen Wirtschaft, Finanzen und Geld werden derart dargestellt, dass selbst eine oberflächliche Beschäftigung mit dem Thema abschreckend und aussichtlos erscheint. Für die, die es doch nicht los lässt, haben wir tolle Studiengänge. Denn wer schließlich BWL oder VWL oder WiWi oder SoWi studiert hat, der weiß was, der hat mit seinem Abschlusszeugnis auch eine umfassende theoretische und praktische Bildung ausgehändigt bekommen, er wurde zum Wirtschaftsexperten, er kann das System erklären und für alle Probleme einfache Lösungen anbieten, die zwar ein wenig schmerzhaft sein könnten, aber alternativlos. Und ich sag: bullshit!
Diese Erkenntnis war auch für mich persönlich nicht leicht, da sie bedeutete mir einzugestehen, dass die vergangenen sechs Jahre mir diesbezüglich keine echte Erkenntnis gebracht haben.

Dies bringt mich zu einem wichtigen Punkt. Das Versagen der Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften. Sei es Wirtschaftswissenschaft, Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft oder Sozialwissenschaft – Wo waren diese in der „Krise“, die als Platzen der Blase auf dem spekulativen US Markt für Hypotheken von („subprime“) Immobilienbesitzern begann und nun wahlweise als „Bankenkrise“, „Schuldenkrise“, „Euro-Krise“ bis hin zur „Kapitalismuskrise“, „Staatskrise“ oder „Demokratiekrise“ ihre Fortführung findet. Nicht dass ihre Analysen, ihre Prognose, ihre Lösungen, jemals etwas an der Ausgangslage verändert hätten, aber hier geht es ums Prinzip. Warum ich „Krise“ in Anführungszeichen gesetzt habe? Nun, weil man meiner Meinung nach nicht von einer Krise sprechen kann, deren Ursachen immanent, die weder die erste, noch die letzte ihrer Art ist sondern ein immer wiederkehrendes Spektakel darstellt, in seiner Gestalt der gängigen Theorie folgend weder außergewöhnlich noch vermeidbar. Was haben die sogenannten Experten zu den wichtigen Themen unserer Zeit beigetragen? Wo so schwer vermisste Alternativen aufgezeigt? Wenn sie sich gerührt haben, dann kamen fast ausschließlich Ratschläge, die uns nur noch tiefer in den Sumpf geführt haben.

Und hier setzt meine eigene Empörung an. Es geht mir persönlich nicht um einen Kreuzzug gegen „gierige Banker“, „korrupte Politiker“ oder „dekadente Kapitalisten“ – sie richtet sich gegen ein System und gegen die vorherrschenden Theorien. Aber einem System kann man schlecht sauer sein, man kann keine Steine nach ihm werfen, ihm keine wütenden Sprechchöre entgegen schleudern und es auch nicht vor Gericht stellen. Natürlich wurde so ein System immer von jemandem entworfen, vorgeschlagen, implementiert – aber wer will jetzt noch einen Krieg der Generationen vom Zaum brechen? Da man also schlecht zu dem System selbst hingehen kann und es anschreien kann, doch gefälligst etwas an sich zu ändern, ja, gegen wen kann die Empörung sich dann noch richten? Gegen all jene vielleicht, die den gesamtgesellschaftlichen Diskurs mit allen Mitteln versuchen zu verhindern. Man muss nicht gegen etwas demonstrieren, man kann auch für etwas demonstrieren – nur kommen immer sehr schnell die Menschen an, denen es nicht passt wofür man demonstriert. Diese sollten wir im Auge behalten – und hier meine ich mit dem ‚wir‘ nicht die Occupy-Bewegung, auch nicht die Sozialwissenschaft, auch nicht alle deutschen Bürger – nein, ich meine alle Menschen weltweit. Denn es sind die, die das System so bewahren wollen, wie es ist, und dies nicht aus Nostalgie, sondern aus Eigennutz.

Natürlich gibt es auch individuelle Schuldige, seien es Nahrungsmittelspekulanten, oder diese die diesen Handel anbieten oder indirekt unterstützen, und sei es mit der bewussten Konsumentscheidung der Aktienzeichnung oder der Kontoeröffnung und Anlage bei der Deutschen Bank, sowie viele Investoren, Agenturen und Spekulanten, die Ländern angreifen, erpressen und ihnen die Handlungsweisen vorschlagen, oder die Gesetze gleich selbst schreiben. Dennoch ist Zorn gegenüber diesen Menschen recht sinnlos, so nutzen sie doch nur die Schwächen des Systems aus, die Konstruktionsfehler, die zu ihren Gunsten und nicht zufällig dergestalt sind. Die Motive sind auch die alten geblieben – Machterhalt, Besitzerhalt – kurz: Eigeninteresse.

Daher unterstütze ich auch Anstrengungen, schärfere Kontroll- und Regulierungsmaßnahmen auf den internationalen Märkten zu implementieren, aber ich denke auch, in dem Bewusstsein dass es mittlerweile viele gibt die mir da zustimmen, dass diese Konstruktionsfehler in unseren Systemen, dem politischen System Deutschlands, Europas und der internationalen Institutionen, im Wirtschaftssystem (Wachstumszwang, Arbeitslosigkeit, Unterbietungswettbewerb, u.v.m.), im Sozialsystem (Hartz IV, Altersarmut, Ausgrenzung und Diskriminierung), im Bildungssystem (Bologna-„Reform“, Chancenungleichheit, mangelhafte oder fehlende Politik- und Wirtschaftslehre), im Finanzsystem (mangelnde und ineffektive Regulierung, Verflechtung mit und Einflussnahme auf die Politik, Instabilität, Volatilität, große Macht, keine demokratische Kontrolle, menschenverachtende Finanzprodukte… die Liste lässt sich noch lange fortsetzen) und nicht zuletzt im Geldsystem liegen, dessen mathematischen und logischen Grundlagen schwerwiegende mathematische und logische Denkfehler zu Grund liegen und Sachzwänge erzeugen, die wir in möglichen anderen Geldsystemen nicht hätten.

Auch auf die Gefahr hin, wie ein Verschwörungstheoretiker zu klingen, wird es meiner Meinung nach immer offensichtlicher, dass in diesem Land, in dieser Welt, Kräfte am Werk sind, die vielleicht nicht konzentriert und koordiniert, aber konsequent, unablässig und unter großem Ressourceneinsatz daran arbeiten, das gegenwärtige System von Generation zu Generation neu zu erzeugen und es so zu bewahren – es zu konservieren. Zu den üblichen Verdächtigen nebst FDP, CDU/CSU, Springer und Bertelsmann zählt diesmal auch ganz besonders die gesamte Medienlandschaft – es wird verschleiert, heruntergespielt, manipuliert, zu stark vereinfacht oder zu stark verkompliziert, oder einfach schlicht gelogen – ich konnte dies anhand der diesjährigen globalen Ereignisse sehr gut verfolgen. Diese Dominanz des Diskurses muss gebrochen werden, die Denkverbote ignoriert werden, die Diskussionen müssen breiter, tiefgründiger und kritischer geführt werden. Denn die Vorstellung, wir hätten menschliches Handeln ausnahmslos durch Formeln erklärbar gemacht, hätten das perfekte Wirtschats- und Finanzsystem geschaffen, haben ein alternativloses Geldsystem geerbt und die Vorstellung, wir könnten ewiges wirtschaftliches Wachstum realisieren wo uns doch nur eine begrenzte Fläche mit begrenzten Ressourcen zur Verfügung steht, kann doch nicht die einzig erlaubte Vorstellung sein.

Die Menschen haben einfach kollektiv vergessen und verdrängt, wofür wir das Geld erfunden haben. Wir haben das Geld erfunden, um Waren und Dienstleistungen zu tauschen. Genau das erwarten wir von dem Geld auch heute noch. Um dies zu realisieren, braucht es genauso viel Geld, wie es Waren und Dienstleistungen gibt. Erst als wir anfingen, das Geld diesem Kreislauf zu entziehen und es dann hundertfach gegen Zins zu verleihen, begann das von vornherein falsch gedachte, aufkeimende System, welches die Grundfesten für unser heutiges System errichtet hat, die Saat zu legen für das, was uns all die folgenden Jahrzehnte immer wiederkehrende Unmenschlichkeit, Kriege, Armut, Ungleichheit und Ungerechtigkeit bescheren sollte. Den noch viel schlimmer als Demokratiedefizit, Kapitalismus, Finanzindustrie und Korruption ist schlicht und einfach die Umverteilung von Einkommen und Besitz durch unser Schuldgeldsystem, die Konzentration von Vermögen, leistungslose Einkommen durch Zins und Zinseszins, sowie Wachstumszwang. Die Freiwirtschaft oder auch Humanwirtschaft liefert hierzu gute Erklärungen ab. Warum nur werden die Theorien Silvio Gesells nicht neben den erprobten und für unpraktikabel befundenen Theorien der Herren Smith und Keynes gelehrt und im Diskurs verwendet? Und diese auch noch in einer Art und Weise, bei der sich die beiden Herren im Grab herumdrehen würden?

Alternativen gibt es zuhauf, sie müssen nur gedacht werden dürfen! Also hör auf mich radikal zu schimpfen und fang an nachzudenken und dich zu informieren! Wenn du das getan hast, sehen wir uns auf der Straße, zusammen für ein gerechteres, effizienteres und verdammt nochmal logischeres System zu kämpfen!

outraged

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